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Wesen der Dunkelheit

Nikola Huppertz über ein Thema, das auch Erwachsene schwer verstehen

  • Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 3 Min.

»In Erinnerung an Ilse. N.H.« - Kinder werden sich womöglich gleich dem Text und den Bildern zuwenden und diese Widmung unbeachtet lassen. Dabei ist sie wohl ein Schlüssel, weil gute Bücher meist ihre verborgenen Urgründe haben. Aus einem Schmerz lodert ein Feuer, das schreibend gebändigt wird. Wenn es hindurchlodert durch den Text, entstehen »heiße Stellen«, die man beim Lesen als besonders einprägsam erlebt.

Nikola Huppertz u. Tobias Krejtschi: Meine Mutter, die Fee.
Tulipan Verlag, 36 S., geb., 15 €.

Nun ist dies freilich ein Buch für Kinder, das eine klare, kindgerechte Sprache braucht. »Es war bestimmt nicht normal, dass meine Mutter plötzlich die halbe Nacht im Sessel saß und in die Dunkelheit sah.« Es ist ein kleines Mädchen, das erzählt. »Fridi, deine Mutter ist verrückt«, sagten die Freundinnen. »Aber verrückt fand ich sie nun doch nicht.«

Was heißt verrückt? Was heißt normal? Auf jeden Fall ist dies ein Buch, das nach Gesprächen zwischen Kindern und Erwachsenen ruft. Mit Garantie werden das höchst interessante Unterhaltungen sein, in denen niemand die Wahrheit gepachtet hat und sicher auch die Kleinen den Großen manche Denkanstöße geben. Sowieso sind die besten Kinderbücher ja die, die auch Erwachsenen etwas geben.

Wenn Fridi aus der Schule kam, zeigte ihr die Mutter gern Bilder, die ihr besonders gut gefielen. »Von Bergen in einem Nebelmeer zum Beispiel oder einem See im Mondschein.« Auf der Illustration von Thomas Krejtschi ist eine Buchseite zu Edvard Munch aufgeschlagen. Und Mörikes Gedicht »von der Mitternacht ..., in der die Quellen das Wort behalten«, ist am Schluss des Bandes abgedruckt ebenso wie Eichendorffs »Der Abend«.

In fahlen Farben hat Thomas Krejtschi gemalt. Die Mutter trägt fast immer Rauchblau oder Grau. Manchmal war es, »als würde alles um uns herum verzaubert«, wenn die Mutter der Tochter auf der Querflöte vorpielte.

Aber Nikola Hupertz verklärt, vereinfacht nichts. Sie hat es ja bei »Ilse« erlebt, was diese Krankheit bedeutet, an der viel mehr Menschen leiden als zugegeben wird. Jeder fünfte Bundesbürger würde einmal im Leben davon betroffen sein, heißt es seitens der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, die auf ihrer Webseite dafür wirbt, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen und Klinikadressen mitteilt. So gesehen, scheint es erst einmal wie eine Verleugnung, dass der Vater zu dem kleinen Mädchen sagt: »Deine Mutter ist eine Fee, Fridi ... Darum kann sie die Erde rauschen hören - zumindest von Zeit zu Zeit ... Feen sind Wesen der Dunkelheit, weißt du?«

Er liebt seine Frau, will sie akzeptieren, wie sie ist. Und ist es nicht so, dass in einem Makel auch ein Gewinn stecken kann? Was geschieht mit Fridis Mutter, nachdem sie wieder mal »eingewiesen« werden musste? Als was für eine Person wird sie zurückkehren?

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