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Von Kriegskrediten und Sondervermögen

Stig Förster reflektiert deutsche Militärgeschichte von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart

  • Harald Loch
  • Lesedauer: 4 Min.
Der Soldatenfriedhof bei Verdun, Schlachtfeld im Ersten Weltkrieg
Der Soldatenfriedhof bei Verdun, Schlachtfeld im Ersten Weltkrieg

Kaum wird das Grundgesetz rüstungstauglich geändert, kommt ein buchstäblich schwergewichtiges Buch in die Buchläden: Der emeritierte Professor für Neueste Allgeneine Geschichte in Bern, Stig Förster, hat ein voluminöses Werk zur deutschen Militärgeschichte von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart geschrieben. Es reflektiert eine von Friedensappellen flankierte Kriegsgeschichte und handelt auch von leider zumeist gescheiterten Versuchen, bewaffnete Auseinandersetzungen zu vermeiden. Försters historische Rückschau sei darum insbesondere den heute über Wohl und Wehe der Völker entscheidenden Politikern empfohlen, sich nicht von Militärs, Rüstungslobbyisten und Rüstungsindustriellen treiben zu lassen. Im Buch fehlt natürlich auch nicht das Diktum des preußischen Generals und Heeresreformer Carl von Clausewitz über das Diktat der Politik.

Was man früher »Kriegskredite« nannte, wird heute euphemistisch als »Sondervermögen« verschleiert. Die Lockerung der Schuldenbremse bedeutet jedoch nicht, dass zugegriffen werden kann auf erst mit der Zukunft zu verrechnendes Geld. Zumindest nicht unbeschadet.

Der preußische König Friedrich II., in der Literatur vielfach als »Der Große« bezeichnet, konnte den Siebenjährigen Krieg nur mit horrenden Geldern aus England durchstehen und irgendwie gewinnen. England wiederum brauchte diese »zweite Front« in Europa, um im Kampf um die Kolonien in Nordamerika über Frankreich zu triumphieren. Förster macht deutlich, dass reine machtpolitische Interessen dominierten und die wechselnden Koalitionen in allen von ihm untersuchten Epochen beeinflussten.

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Diese bestimmten auch den Vorabend des Ersten Weltkrieges, als die politischen Verantwortlichen in Deutschland, vorneweg der »Eiserne Kanzler« Otto von Bismarck, von einem unvermeidlich erscheinenden Krieg gegen Frankreich ausgingen. Die Fragen nach der Truppenstärke, nach einer allgemeinen Wehrpflicht und deren Dauer, nach der zu wählenden Strategie sowie nach der davon abhängiger Bewaffnung der eigenen Armee und der jeweiligen Rolle der Teilstreitkräfte, aber auch Überlegungen zur Beteiligung von Privatunternehmen (Krupp) an der Ausrüstung usw. waren Thema heftiger Debatten zwischen Politik (Kaiser, Reichstag, Regierung) und Militär (Generalstab, Kommandeure) vor und inmitten des ersten industriell geführten Völkerschlachtens 1914 bis 1918. Die dann getroffenen Lösungen waren selten optimal. Nicht anders verhielt es sich zur Zeit der NS-Diktatur. Bekanntlich gingen auch hier die Ansichten zwischen Hitler und Konsorten sowie der Wehrmachtgeneralität häufig auseinander; und rüstungspolitische Entscheidungen waren ebenso stets auch eine Budgetfrage, weshalb beispielsweise Görings Wunsch zum Bau und Einsatz von strategischen Langstreckenbombern als zu teuer abschlägig beantwortet wurde.

Die jeweiligen politischen Weichenstellungen werden von Förster profund beurteilt. Die Entlassung Bismarcks durch Kaiser Wilhelm II. bezeichnet der Militärhistoriker als die einzig richtige Entscheidung des ansonsten schwachen Monarchen. Die These des in Cambridge lehrenden australischen Historikers Christopher Clark, dass alle Großmächte in den Ersten Weltkrieg hinein gestolpert seien und Deutschland keine besondere Kriegsschuld trage (»Die Schlafwandler«), ist ihm nur eine Fußnote wert. Trotz aller Mitschuld Russlands und Österreichs steht für Förster fest: »Der Schlüssel, welcher die Büchse der Pandora öffnete, lag letztlich in Berlin.«

Kriege entwickeln stets eine eigene Dynamik, kaum vorhersehbar. Auch darauf hatte bereits Clausewitz in seinem Buch »Vom Kriege« hingewiesen. Militärische Konflikte sind zu unterscheiden. Die Bauernkriege trugen einen anderen Charakter als die Kabinettskriege des 16. bis 18. Jahrhunderts. Der deutsch-französische Krieg entfachte nach Sedan und der Gefangenschaft von Napoleon III. einen ersten »Volkskrieg« der französischen Republik gegen das mit triumphaler Geste am 18. Januar 1971 im Schloss Versailles begründete Deutsche Kaiserreich.

Der Autor fügte seinem Text gelegentlich Schlachten- und Aufmarschpläne bei, ohne etwa bellizistische Gemüter zu erfreuen, sondern zur Veranschaulichung der Ereignisse, des mörderischen Geschehens. Immer wieder lädt er sein Publikum ein, mit ihm über fehlgeschlagene Bemühungen zur Kriegsvermeidung nachzudenken. Er macht für deren Scheitern den in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufkommenden rigiden, in das gesamte gesellschaftliche Leben in Deutschland eingreifenden Militarismus haftbar, der seiner Erkenntnis nach zwei Gründe hatte: eine zutiefst konservative Stimmung, die ein starkes Heer vor allem gegen etwaige (sozialistische) Umsturzversuche forderte, sowie eine nationalistische, die eine deutsche Weltmachtstellung anstrebte. Die »störrische« Haltung der sukzessive stärker im Reichstag vertretenen Sozialdemokraten hatte schon Bismarck wie auch seine Nachfolger zu tollkühnen Plänen veranlasst, mit einem Staatsstreich das Parlament zu entmachten und eine autoritäre Monarchie wiederherzustellen.

Nach interessanten zeitgeschichtlichen Ausführungen zur Militärgeschichte beider deutscher Staaten während des Kalten Krieges widmet sich Förster der Gegenwart, die von der zweiten Amtszeit eines unberechenbaren US-Präsidenten überschattet ist. »Wohin die Reise geht, kann niemand voraussagen. Deshalb muss das Buch an dieser Stelle enden. Nur eins ist sicher, solange die Menschheit existiert, wird auch die Geschichte weitergehen.« Stig Förster schließt sein erkenntnis- und lehrreiches Buch mit den Worten: »The End of History war eben nur neokonservatives Geschwätz, das in der Euphorie nach dem Sieg des Westens im Kalten Krieg entstand.«

Stig Förster: Deutsche Militärgeschichte. Von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart. C.H.Beck, 1294 S., geb., 49,90 €.

     

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