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Demonstration gegen Trisomie-Test als Kassenleistung
Vor Debatte im Bundestag mehrt sich die Kritik an der Gen-Untersuchung
Berlin. Einen Tag vor der Orientierungsdebatte im Bundestag über vorgeburtliche Gen-Tests wird breite Kritik an dem Verfahren laut. Am Mittwoch demonstrierten rund 150 Aktivisten und Menschen mit Behinderung in Berlin für »Inklusion statt Selektion«. Auch Politiker und Verbände sehen eine mögliche Aufnahme des Trisomie-Tests als Kassenleistung kritisch.
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Auf der Demonstration in Berlin sprach neben anderen die Aktivistin Natalie Dedreux. Die Kölnerin lebt selbst mit dem Down-Syndrom. Im Jahr 2017 konfrontierte die heute 20-Jährige Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in der ARD-Wahlarena mit dem Thema Spätabbruch von Föten mit Down-Syndrom. Vor drei Wochen startete sie auf einem Online-Portal die Petition »Menschen mit Down-Syndrom sollen nicht aussortiert werden!«, die bislang von mehr als 14.000 Menschen unterzeichnet wurde.
»Mein Leben mit Down-Syndrom ist cool«, sagte sie in ihrer Rede. In Deutschland müsse es mehr Inklusion geben, betonte sie und berief sich auf Artikel 3 des Grundgesetzes. Dieser verbietet eine Diskriminierung aufgrund einer Behinderung.
An der Demonstration nahmen neben Menschen mit Down-Syndrom auch Menschen mit anderen Beeinträchtigungen teil, darunter Rebecca Maskos. Sie hat eine umgangssprachlich als »Glasknochenkrankheit« bezeichnete Erbkrankheit. »Ich will diese Tests ganz allgemein nicht«, sagte sie. Heute ließen sich alle möglichen Beeinträchtigungen vor der Geburt erkennen. All diese Menschen könnten durch die Tests »aussortiert« werden. Es ginge darum, welches Menschenideal die Gesellschaft habe und ob auch hilfsbedürftige Personen akzeptiert werden.
Der Test, über den am Donnerstag im Bundestag debattiert wird, gibt über die Untersuchung des Blutes der werdenden Mutter mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit Auskunft darüber, ob das ungeborene Kind eine Form der Trisomie hat. Darunter fällt beispielweise das Down-Syndrom, bei dem das 21. Chromosom dreimal statt zweimal vorhanden ist.
Bislang muss der ethisch umstrittene Test selbst bezahlt werden. Befürworter der Kassenleistung argumentieren, der Test dürfe nicht nur denen vorbehalten bleiben, die es sich leisten können. Kritiker, darunter Behindertenverbände, äußern die Befürchtung, dass bei einer Übernahme der Kosten durch die gesetzliche Krankenversicherung der Test zum Standard und kaum noch Kinder mit einer Trisomie geboren würden.
Der CSU-Politiker und frühere Bundesminister Christian Schmidt warnte vor einem »erheblichen Druck auf werdende Eltern«. Es könne zu einem »gesellschaftlichen Automatismus« kommen, sagte der Landesvorsitzende des Evangelischen Arbeitskreises der CSU (EAK) dem Evangelischen Pressedienst (epd). Schwangere und ihre Partner könnten sich genötigt fühlen, den Test zu machen, weil ihn alle anderen auch machen. Peter Neher, Präsident des Deutschen Caritasverbandes, teilt diese Auffassung: »Menschen mit Behinderung sind Mitglieder unserer Gesellschaft«, sagte er. Würden Embryos mit Auffälligkeit selektiert, verändere dies den Blick auf ein Leben mit Behinderung.
Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach sprach sich dagegen für die Kassenzulassung des Tests aus. Der Test könne in vielen Fällen eine Fruchtwasseruntersuchung ersetzen. Er sei ungefährlich für Kind und Mutter und kostengünstiger. Aus ärztlicher Sicht gebe es keinen Grund, den Test nicht einzusetzen, um im Verdachtsfall eine Behinderung auszuschließen, sagte Lauterbach. Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte sich bereits für eine Kassenfinanzierung ausgesprochen. epd/nd
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