Nicht nur Quotenfrau
Personalie
Am Mittwoch war es endlich soweit. Nach über sechs Monaten Dauerprotest, Hunderten Todesopfern, vielen weiteren Verletzten und dem Sturz eines Diktators konnten die Menschen in Sudan am Abend des 21. August die Vereidigung des neuen Übergangsrats bejubeln. Dieser soll für drei Jahre, anstelle eines Präsidenten, die Exekutive im Staat bilden.
In einem pompösen Festsaal und vor den laufenden Kameras des Staatsfernsehens legten die insgesamt elf Zivilisten und hochrangigen Generäle ihre Hand auf den Koran und schworen Staat und Volk ihre Treue. Mit dabei waren zwei Frauen. Eine davon ist Raja Nicola Issa Abdel-Masih. Das auffälligste an ihr? Sie leistete ihren Treueeid ohne Kopftuch, in kurzen Ärmeln und mit der Hand nicht auf dem Koran, sondern auf der Bibel.
Raja Abdel-Masih ist die einzige Koptin in Sudans neuem Übergangsrat. Geboren und aufgewachsen ist sie in Umm Durman, einer Stadt in der Metropolregion Khartum. Ihr Jurastudium absolvierte sie in Kairo, Ägypten. Die Kopten machen etwa ein Prozent der Gesamtbevölkerung Sudans aus. Doch sie selbst lehnt es ab, als Quotenmitglied zur Repräsentation einer Minderheit gesehen zu werden. In einem Interview mit der Zeitung »al-Sentha« sagte sie, die Rechte der Kopten seien durch die sudanesische Verfassung garantiert, sie selbst sei »in erster Linie Sudanesin und dann Christin«. Immerhin hatte es die ausgebildete Juristin auch während der fast 30 Herrschaftsjahre der Islamisten geschafft, im Justizministerium Karriere zu machen. Und das, obwohl Sudans Christen oft unter Verfolgung litten. Das verschaffte ihr den Ruf als unkorrumpierbare und harte Arbeiterin.
In demselben Interview bat sie das sudanesische Volk um Geduld. »Was in 30 Jahren alles passiert ist, ist nicht in drei zu reparieren.« Damit meinte sie nicht nur die Gräueltaten des alten Regimes, sondern auch die schwerwiegenden wirtschaftlichen Probleme, die ursprünglich im Dezember 2018 die Revolution gegen Präsident al-Bashir ausgelöst hatten.
Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.
Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.
Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.
Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!
Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:
→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.
Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.