Trauriger Spitzenreiter in Südostasien
Indonesiens Regierung hat in der Coronakrise harte Maßnahmen vermieden, nun häufen sich die Fälle
Ende der vergangenen Woche war es, als Indonesien in der Statistik an Singapur vorbeizog. 41 431 mit dem Coronavirus Infizierte zählt das bevölkerungsreichste Land Südostasiens nun, 200 mehr als der Stadtstaat, der bis dahin als Corona-Hotspot in dieser Weltregion galt. Derzeit mehr als 1000 Neuinfektionen täglich haben Indonesien den traurigen Spitzenplatz eingetragen. Weltweit ist das Land mit den 17 000 Inseln im Ranking nun die Nummer 30.
Dass die Ausbreitung zuletzt wieder mit solch einem Tempo zunahm, zeigt deutlich, dass die Regierung des im Vorjahr wiedergewählten Präsidenten Joko »Jokowi« Widodo die Lage längst nicht unter Kontrolle hat. In mehreren Landesgebieten ist das Gesundheitswesen an der Überlastungsgrenze angelangt. Die Dunkelziffer ist hoch, die 20 000 Tests pro Tag reichen kaum.
Zu lange, so die Kritik, zögerten die Verantwortlichen mit durchgreifenden Maßnahmen. In der Hauptstadt Jakarta, größtes Ballungszentrum auf der besonders dicht bevölkerten Insel Java, dauerte es bis zum letzten Drittel des März, dass Gouverneur Anies Baswedan den Lockdown verhängte. Auf Eigeninitiative besorgter und weitsichtiger Bewohner*innen hatten einzelne Nachbarschaften in dem Moloch da schon längst für sich diesen Schritt teilweise vorweggenommen. Gerade in Jakarta als Corona-Epizentrum des Landes mit seinen Menschenmaschen und der Enge konnte der Erreger noch lange ungehindert weiter seinen Weg in alle Viertel nehmen. Großveranstaltungen in Moscheen trugen erheblich zum Anstieg der Neuinfektionen bei. Dabei hatte schon im März die Zahl der Toten 40 Prozent über den durchschnittlichen Sterbefällen gelegen.
Vor allem in Sorge um gravierende ökonomische Langzeitfolgen hatte es Widodo vermieden, der größten Volkswirtschaft der Region einen landesweiten Lockdown zu verordnen. Erst am 13. April erklärte der Präsident die Lage zum »nationalen Desaster«, doch die zurückhaltend verhängten Schutzmaßnahmen trafen in erster Linie Java, wo sich tatsächlich zwei Drittel aller Fälle konzentrieren. Im Großraum Jakarta, wo die Einwohner gewisse Einschnitte erlebten und auch immer mehr Menschen plötzlich ohne Job dastanden, wurden unter anderem ein Dutzend automatische Reisausgabestellen für die Ärmsten aufgestellt. Von Helfer*innen pro Tag mit Nachschub von 1,5 Tonnen bestückt, wurden mit jeder dieser einem Geldautomaten ähnelnden Maschinen etwa 1000 Bedürftige in der jeweiligen Nachbarschaft versorgt.
Schon Mitte Mai diskutierte derweil die Politik wieder das Hochfahren, und tatsächlich befinden sich auch die Großstädte Javas seit den ersten Junitagen in einer Art eingeschränktem Normalbetrieb. Derweil hat die Regierung nach dem Vorbild anderer Länder ein großangelegtes finanzielles Hilfsprogramm beschlossen, um die ökonomischen Auswirkungen der Krise abzufedern. Der Gesamtumfang an eingeplanten Mitteln dafür wurde gerade noch einmal auf 677,2 Billionen Rupien aufgestockt, umgerechnet knapp 48 Milliarden US-Dollar.
Indonesiens Wirtschaft war in den letzten zehn Jahren kontinuierlich mit gut fünf Prozent gewachsen. Im ersten Quartal brachen die Zahlen auf nur noch knapp drei Prozent ein. Für das Jahr 2020 hält die Regierung insgesamt laut Wirtschaftsminister Airlangga Hartato noch an einem schmalen Wachstum um 2,3 Prozent fest. Seine Kabinettskollegin, Finanzministerin Sri Mulyani hält aber sogar ein Minus von 0,4 Prozent für möglich. Eine solch größere Delle würde gerade die Millionen Menschen in ohnehin schon prekären Jobs sowie die neuen Arbeitslosen hart treffen.
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