Für sechs Dosen Bohnen malochen
Das libanesische Pfund befindet sich im Sinkflug. Internationale Hilfsorganisationen profitieren von dieser Entwicklung - auf Kosten der armen Bevölkerung
Der US-Dollar wird derzeit auf dem Schwarzmarkt im Libanon zum sechsfachen des offiziellen Kurses in Libanesische Pfund gewechselt. Leidtragende sind diejenigen, die ihre Gehälter nicht in den begehrten Devisen ausgezahlt bekommen. Das sind vor allem die einfachen Angestellten, Tagelöhner und syrische Flüchtlinge: Sie haben in den vergangenen Monaten 80 Prozent ihrer Kaufkraft eingebüßt. Dazu muss man wissen, das der Dollar und die Libanesische Pfund jahrzehntelang parallel legale Zahlungsmittel im Libanon waren. Man konnte ein Getränk mit einem Dollarschein bezahlen und bekam das Wechselgeld in Lira zurück.
Beide Währungen wurden auf Quittungen und Kassenbelegen erwähnt. Der Umtauschkurs war immer gleich: 1500 Lira pro US-Dollar. Seit Ausbruch der Finanzkrise Ende 2019 hat sich die Nachfrage nach US-Dollar dramatisch erhöht, so dass der er auf dem Schwarzmarkt für mehr als 8000 Lira gehandelt wird. Während die Wirtschaft aufgrund der Covid-19-Pandemie vollends eingebrochen ist, hält die Zentralbank unbeirrt am alten Kurs von 1500 Lira pro Dollar fest. Da der Libanon stark von Importen abhängig ist, die mit Devisen bezahlt werden müssen, steigt die Nachfrage und somit die Inflation. Geschäfte haben ihre Preise mindestens verdoppelt.
Für Menschen mit Dollarkonten hingegen ist alles viel billiger geworden; ihre Kaufkraft hat sich um mehr als 300 Prozent erhöht. Zu den Beziehern solcher Gehälter gehören Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, Botschaften und Großunternehmen. Ein einfacher Sachbearbeiter bekam 2019 bei einer UN-Organisation für 1000 US-Dollar Gehalt den Gegenwert von 1,5 Millionen Libanesischen Pfund. Nach Umtausch auf dem Schwarzmarkt sind es nun acht Millionen Pfund. Das entspricht 14 Monatsmieten für eine Wohnung, denn Mieten haben sich noch nicht erhöht.
Umso skandalöser ist, dass die internationalen Hilfsorganisationen sich unter Druck der Regierung darauf geeinigt haben, Tageslöhne für syrische Flüchtlinge und notleidende Libanesen weiterhin in Pfund auszuzahlen, und sich dabei am offiziellen Mindestlohn aus dem Jahr 2012 zu orientieren. Der Mindestlohn beträgt 30 000 Pfund pro Tag, das entsprach 2019 etwa 20 US-Dollar. Aktuell entsprecht entspricht diese Summe aber nur noch einer Kaufkraft von vier Dollar. Für diesen Tageslohn, so haben die Bezieher der Dollargehälter beschlossen, sollen die Ärmsten bei 40 Grad im Schatten schwere körperliche Arbeit leisten - Straßen bauen, Bewässerungskanäle in Stand setzen, Müll beseitigen. Diese Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für Abgehängte nennen sich »Cash for Work« und gelten in der Szene als gefeiertes Modell, da hier hilfsbedürftige Familien ihre Unterstützungsleistung durch aktive Arbeit verdienen müssen. Das wirkliche Resultat: Die Bezieher von Pfund-Gehältern malochen für den Preis von sechs Dosen Bohnen pro Tag, um zu überleben, während die Organisatoren dieser Maßnahmen täglich eine Monatsmiete beziehen. »Das grenzt an moderne Sklaverei! Ich überlege, die ganzen Maßnahmen abzusagen! Es ist einfach unethisch, was hier passiert«, schimpft ein Projektleiter einer deutschen Organisation, der anonym bleiben möchte.
Hintergrund ist, dass die libanesische Regierung fürchtet, dass die Bezieher von Hilfsleistungen internationaler Organisationen plötzlich mehr Geld bekommen könnten, als einfache Staatsbedienstete wie Polizisten oder Postbeamte. Skandalös ist jedoch, wie wenig die internationalen Hilfsorganisationen in Beirut dagegen protestieren, dass die ärmsten der Armen jetzt noch weniger bekommen sollen, während die Preise steigen.
Das steht krass im Gegensatz zu ihren Reaktionen, als Anfang des Jahres die libanesische Zentralbank ankündigte, generell keine Dollarauszahlungen mehr zuzulassen. Damals erhob sich ein wütender Proteststurm aller libanesischer Angestellter internationaler Hilfsorganisationen. »Das Ministerium für Soziales hat gedroht, wer einem syrischen Flüchtling US-Dollar auszahlt, dessen Programm wird sofort beendet«, erzählt ein Mitarbeiter einer italienischen NGO gegenüber »nd«. »Wir würden gerne Dollar weiterreichen, doch das Risiko, unsere Akkreditierung zu verlieren, möchte ich nicht eingehen.« Und so kommt es dazu, dass internationale Hilfsorganisationen zu Spenden aufrufen, weil sie prognostizieren, dass es bis Ende des Jahres zu Hungertoten im Libanon kommen könnte.
Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.
Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.
Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.
Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!
Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:
→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.
Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.