Authentisch verliebt

In »Good on Paper« spielt sich Stand-up-Star Iliza Shlezinger selbst und zeigt ein brillantes Stück über Selbstoptimierung

  • Jan Freitag
  • Lesedauer: 3 Min.

Romantic Comedys waren einst pures Kassengold. Bevor die Branche nur noch Testosteronduschen reproduzierte, hat das Kino mit ein, zwei Typen beim Buhlen um ein, zwei Frauen oder umgekehrt reihenweise Blockbuster gelandet. Als die Welle der »Rom-Com« abgekürzten Balz mit »Hitch - Der Date Doktor« verebbte, war gefühlt jeder Erdenmensch mal in Julia Roberts oder Hugh Grant verknallt. Man darf es daher antizyklisch nennen, wenn Ryan Hansen im romantischen Netflix-Spaß »Good on Paper« 16 Jahre später um Iliza Shlesinger wirbt, als seien die Neunziger nicht längst Geschichte.

Die Stand-up-Ikone, eine der besten der USA, spielt darin die sexuell aktive, emotional träge Komikerin Daniela Singer, also ein wenig sich selbst. Was schon deshalb denkbar wird, da sie deren Liaison mit dem Hedgefonds-Manager Dennis Kelly (Ryan Hansen) zwischendrin dauernd auf echten Comedy-Bühnen kommentiert, als sei der Film autobiografisch. Ist er ja auch. Teilweise zumindest. Denn nach einer ähnlichen Privaterfahrung hat sich Showrunnerin Shlesinger eine ebenso stereotype wie entzückende Hässliches-Entlein-Variante ins Drehbuch geschrieben.

Und die geht so: Obwohl Daniela amüsant, attraktiv, erfolgreich ist, findet sie haufenweise Gelegenheiten zum gegenseitigen Flüssigkeitsaustausch, aber keinen Mann fürs Leben, schlimmer noch: kaum ernste Filmrollen, die ihr heiteres Portfolio seriös unterfüttern. Bis sie auf dem Rückflug einer weiteren Casting-Pleite den Yale-Absolventen Dennis trifft. Entgegen ihrer Gewohnheit plaudert sie mit dem nerdigen Sitznachbarn, bittet ihn zur Liveshow und beginnt eine Freundschaft, die schon deshalb funktioniert, weil Dennis bodenständig, humorvoll, bescheiden (und sogar trinkfest) ist. »Ein Buchhalter, der bestimmt auf Missionarsstellung steht«, wie Danielas Gedanken hörbar vermuten. Schlecht für guten Sex, gut für schlechte Zeiten.

Doch wie in Romantic Comedys üblich, endet die platonische Beziehung nach Irrungen und Wirrungen doch im Bett. Es folgen Liebe, Streit, Friede, Kuss, Verlobung, bis alles bereit ist für eine Hochzeit ohne Todesfall. Wäre »Good on Paper« an dieser Stelle nicht erst 29 Minuten alt, man könnte das Popcorn vom Sofa sammeln und mit dem wohligen Gefühl der Neunziger einschlafen, Romantiker seien doch nicht zwingend Wirklichkeitsverdränger. Allerdings fehlen noch 61 Minuten, von denen hier so wenig wie nötig gespoilert werden soll - einfach, weil viele davon so wendungsreich originell sind, dass man in jeder damit rechnen muss, alles drehe sich nochmals um 360 Grad ins Gegenteil und zurück.

Im Wechsel zwischen scheinrealem Stand-up und scheinfiktionalem Film inszeniert von der Regie-Debütantin Kimmy Gatewood, bislang eher als Darstellerin (»Glow«) auffällig geworden, durchlebt und leidet die Hauptfigur schließlich gar keine Rom-Com, sondern ein Lehrstück über die Profilneurosen der Selbstoptimierungsgesellschaft. Dennis, so viel sei verraten, ist nicht ganz derjenige, der er zu sein vorgibt, was Daniela auch deshalb so begehrenswert findet, weil sie ihm unterstellt, als Einziger endlich mal nichts von sich zu beschönigen.

Damit befinden wir uns mitten im Photoshop-Fegefeuer der Generation Instagram, deren vornehmlicher Daseinsgrund in einer Form von Fremdsuggestion besteht, die fast zwangsläufig zur Autosuggestion mutiert. So, wie der dackeläugige Dennis seiner Flamme den anlehnungsbedürftigen Normalo vorspielt, macht die berufszynische Daniela sich vor, emanzipiert, autonom, feministisch zu sein - also das Gegenteil ihrer jungen, schönen, gut gebuchten Konkurrentin Serrena (Rebecca Rittenhouse), deren Jugend, Attraktivität und Erfolg die Mittdreißigerin schier wahnsinnig macht.

Gefangen in einer Spirale der Oberflächlichkeit, kämpft eben jeder und jede auf seine und ihre Art darum, sich als maximal authentisch zu verkaufen. Ob die geistreiche Bühnenkomikerin Iliza Shlesinger mit der geistreichen Filmkomikerin Daniela Singer identisch ist oder wie viel von ihrer lesbischen Filmfreundin Margot in der leibhaftigen Bühnenkomikerin Margaret Cho steckt, kann man dabei nur raten. Tatsache ist, dass ihr gemeinsames Werk »Good on Paper«, frei übersetzt »gut ausgedacht, aber Blödsinn«, zu den offensten Realsatiren dieser absurden Tage zählt.

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