Von wegen niedlich

Endlich wild: An den Sophiensaelen Berlin kritisiert Vanessa Stern mit »Die Rache der Panda-Pussies« den Blick auf Frauen

  • Michael Wolf
  • Lesedauer: 4 Min.
Nur nicht einhegen lassen: Panda-Pussies auf der Bühne der Berliner Sophiensaele
Nur nicht einhegen lassen: Panda-Pussies auf der Bühne der Berliner Sophiensaele

Manche Tiere wirken auf Menschen lustig (Erdmännchen, Papageien), vor anderen fürchtet Homo sapiens sich aus guten oder schlechten Gründen (Tarantel, Blindschleiche), und andere findet er stets in scheinbar schlechter Stimmung vor, man denke an das verdrießlich dreinblickende Tapir. Der Panda hingegen wird allgemein als äußerst niedlich wahrgenommen. Ist das womöglich ein Grund dafür, dass er vom Aussterben bedroht ist?

Mit ihrem neuen Stück »Die Rache der Panda-Pussies« regt Vanessa Stern an den Berliner Sophiensaelen zu evolutionsbiologischer Spekulation an. Ihr ganzes Ensemble – Stern selbst und zehn weitere Spielerinnen – steckt in schwarz-weißen Plüschkostümen und Machtverhältnissen fest.

Die sehr lose zusammengehaltene Geschichte spielt in einem ehemaligen Theater »am Fuße des Prenzlauer Bergs«, in dem nun Pandas zugleich erforscht, vermarktet, von einem Filmteam begleitet und auf ihre Auswilderung vorbereitet werden sollen. Einzig: Von Wildheit ist hier nicht viel zu erkennen. Die Bären legen Plastikeier, spielen auf dem Smartphone herum und sind auch sonst kaum von ihren Tierpflegerinnen zu unterscheiden.

Ursula Renneke als Mitarbeiterin klagt dem Publikum, das konsequent als Gruppe »Panda-Tourist*innen« angesprochen wird, ihren Kummer. Vor fünf Jahren wurde ihr die Leitung des Panda-Instituts in Aussicht gestellt, zu der Übergabe sei es bislang aber nicht gekommen. Stattdessen müsse sie immer mehr Aufgaben übernehmen, von denen sie sich überfordert fühle. Sie bewege sich seither ständig zwischen Hoffnung und Furcht. »Und das sind eben genau die beiden Affekte, die uns nicht mit der Realität in Kontakt bringen. Mit der Hoffnung springen wir über die Realität hinaus und mit der Furcht schrecken wir vor ihr zurück.«

Trefflich ist hier ein Mechanismus der Ausbeutung beschrieben: die Mitarbeiterin so stark unter Druck setzen, dass sie alles mit sich machen lässt. Vanessa Stern als Regisseurin des Panda-Dokumentarfilms verfährt kaum anders. Sie kommandiert ihr Team herum, zetert, schimpft und lässt die Untergebenen um ihre Gunst buhlen. Doch auch diesen bleibt nicht verborgen, dass »Pandessa«, wie sie hier heißt, unter genauso großem Druck steht. Kurzerhand ändert sie ihren (Dreh-)Plan und dreht einen Film über eine verzweifelte Regisseurin. Doch dann kommt eine frohe Nachricht herein: »Frau Regisseurin! Sie haben eine E-Mail erhalten!« Wer ihr wohl schreibt? Die Berlinale? Cannes? Nein, es hat sich nur jemand von ihrem Newsletter abgemeldet. Die anschließende Internetrecherche nach dem Banausen unterlegt das Ensemble a cappella mit wüsten Beschimpfungen.

Da ist sie also doch kurz: Die Wildheit, die Wut, um die es hier geht, die als ein Ausweg aus dem Reservat angeboten wird, in dem sich Tiere, Künstlerinnen, Arbeitnehmerinnen und vor allem Frauen als solche eingesperrt sehen. Es geht in der Inszenierung tatsächlich um so etwas wie eine Auswilderung oder zumindest um eine Kritik an jener Sozialisation, die Frauen, Pandas ähnlich, am liebsten zu süßen und gutmütigen Wesen formt, die ihnen das Weinen aus Überforderung beibringt und Wut nur zulässt, wenn sie dabei sexy aussehen.

»Weibliche Komik in der Krise« und »Frauen am Rande der Komik«, so beschreibt die Theatermacherin Stern ihr Programm. Sie nutzt den Humor als Mittel zur Erkenntnis der desolaten Verhältnisse. In den letzten 15 Jahren avancierte sie so zur Humorbeauftragten der Berliner freien Szene. Ein lohnendes Engagement in einem künstlerischen Milieu, das sich häufig doch etwas verkopft und protestantisch gibt.

»Die Rache der Panda-Pussies« zeigt aber auch die Grenzen ihrer Agenda auf, geht sogar über diese hinaus. Stern reiht Sketch an Sketch aneinander, eine übergreifende Handlung ist zunächst nicht zu erkennen, wird schließlich schmerzlich vermisst. So ziehen sich die zwei Stunden in die Länge, die »Panda-Tourist*innen« im Publikum scheinen zum Ende zwiegespalten: Die eine Hälfte lacht, die andere wirkt, wenn schon nicht wütend, so doch ein bisschen ärgerlich.

Nächste Vorstellungen: 23., 24. und 25.6.
www.sophiensaele.com

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