Unbewusste Vorurteile

Kirsten Achtelik über die Debatte für ein Triage-Gesetz

  • Kirsten Achtelik
  • Lesedauer: 2 Min.

Niemand möchte, dass der Ausnahmefall einer Triage eintritt und niemand möchte Menschen mit Behinderung diskriminieren. In einer idealen Welt wäre damit das Problem einer unzureichenden und potenziell tödlichen Unterversorgung von behinderten und vorerkrankten Menschen auch schon vom Tisch – jedoch die Verhältnisse, sie sind nicht so.

Denn auch niemand möchte allzu viel Geld für ein funktionierendes Gesundheitssystem ausgeben – mit niemand sind hier Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach und die Krankenkassen gemeint. Und fast niemand möchte allzu intensiv über eigene Vorurteile reflektieren, vor allem nicht die »Götter in Weiß«.

Internalisierte Vorurteile gegen Menschen mit Behinderung wie Annahmen darüber, dass diese ein unangenehmes, ja eigentlich unzumutbares Leben voller Schmerzen und Leiden führen, sind sehr weit verbreitet, kaum jemand ist frei davon. Gerade Ärzt*innen sind meist in einem Weltbild verfangen, das Krankheiten und Beeinträchtigungen mit verminderter Lebensqualität und -länge gleichsetzt. Die Behindertenbewegung kämpft seit Jahrzehnten mit mäßigem Erfolg gegen diese Annahmen an.

Daher entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, wenn der Bundesgesundheitsminister im Bundestag ausführte, dass eine streng medizinische Analyse diskriminierenden Zuteilungspriorisierungen vorbeugen würde. Das zeugt von einer beinahe rührend naiven Analyse davon, was Diskriminierung bedeutet. Kaum ein Arzt wird sich bewusst dafür entscheiden, eine behinderte Person nicht zu behandeln, weil sie behindert ist. Aber davon auszugehen, dass diese Person sowieso kein so langes, gutes etc. Leben haben wird, das ist quasi Teil des ärztlich-medizinischen Weltbildes. Dagegen hilft dieses Triage-Gesetz nicht.

- Anzeige -

Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.

Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.

Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.

Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!

Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:


→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.

Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.

- Anzeige -
- Anzeige -