Geschäft mit der Angst der Eltern

Nahrungsergänzungsmittel für Kinder: Kein positiver Gesundheitseffekt, mitunter gefährlich

  • Antje Kayser
  • Lesedauer: 3 Min.
Lustige Vitaminbärchen für Kinder können sogar gesundheitsbedrohend wirken.
Lustige Vitaminbärchen für Kinder können sogar gesundheitsbedrohend wirken.

Die Stiftung Warentest warnt vor Nahrungsergänzungsmitteln für Kinder. Von 18 getesteten Produkten habe nur ein einziges keine Mängel aufgewiesen, sagte der Bereichsleiter für Untersuchungen, Holger Brackemann, bei einer Pressekonferenz in Berlin. Was oft putzig und harmlos aussehe, sei im besten Fall überflüssig und im schlimmsten Fall schädigend.

15 der getesteten Produkte überschreiten demnach die empfohlenen Mengen an Vitaminen und Mineralstoffen. Von fünf der getesteten Produkte rät die Stiftung Warentest sogar stark ab, weil es durch diese zu einer Überdosierung von Vitamin A oder Kupfer kommen kann. »Kupfer hat in Kinderprodukten nichts zu suchen«, sagt Brackemann. Langfristig kann dadurch die Leber geschädigt werden. Auch zusätzliches Vitamin A sollten Kinder nicht zu sich nehmen, das könne etwa Kopfschmerzen oder Leberprobleme auslösen.

Viele Hersteller ignorierten wissenschaftliche Empfehlungen zum Schutz der Kinder, so Brackemann. Er spricht von einem alarmierenden Ergebnis. »Nahrungsergänzungsmittel liefern keinen Beitrag zur gesunden Ernährung von Kindern.« Es gebe keine Studien, die einen positiven Effekt auf die Gesundheit auswiesen.

Gefährlich sei auch, dass einige Nahrungsergänzungsmittel wie Weingummi oder andere Süßigkeiten aussehen, süß schmecken, oft aromatisiert sind und Kinder dadurch womöglich noch größere Mengen zu sich nehmen, als vom Hersteller vorgesehen.

In Deutschland gebe es Studien zufolge keine allgemeine Unterversorgung bei Kindern und Jugendlichen, die meisten seien durch die Ernährung gut mit Vitaminen und Mineralstoffen versorgt, so die Experten. Nur in manchen Gruppen sei ein Mangel möglich, etwa bei vegan ernährten Kindern. Trotzdem würden etwa fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen Nahrungsergänzungsmittel zu sich nehmen, das entspreche Hunderttausenden deutschlandweit.

Wenn Kinder sich normal entwickeln und wachsen, könne man davon ausgehen, dass sie vermutlich gut versorgt sind, sagt Nicole Merbach, Ressortleiterin Ernährung & Gesundheit bei Stiftung Warentest. Symptome wie ständige Müdigkeit, eine geringere Belastbarkeit und Gewichtsabnahme sollte man bei der Kinderärztin oder dem Kinderarzt abklären lassen.

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Versprechen wie die altersgerechte Versorgung, eine gesunde geistige Entwicklung, Förderung der Aufmerksamkeit und Gedächtnisleistung oder das Ankurbeln der normalen Funktion des Immunsystems seien vor allem »ein Geschäft mit der Angst der Eltern«, so Merbach. Eltern zahlen demnach bis zu knapp 600 Euro im Jahr dafür.

Rechtlich gesehen gelten Nahrungsergänzungsmittel als Lebensmittel. Das heißt, es gibt etwa keine Bestimmungen für Höchstmengen und auch keine Prüfungen, bevor man sie auf den Markt bringen kann, erklärt Brackemann. »Die strenge Regulierung von Nahrungsergänzungsmitteln ist überfällig.«

Der Arbeitskreis Nahrungsergänzungsmittel im Lebensmittelverband Deutschland e. V. teilte auf Anfrage mit, je nach Bedarf könnten Nahrungsergänzungsmittel eine sinnvolle Ergänzung sein, auch um Versorgungslücken, die es auch in Deutschland gebe, gar nicht erst entstehen zu lassen. Es sei europaweit einheitlich und detailliert festgelegt, welche Vitamine und Mineralstoffe in Nahrungsergänzungsmitteln verwendet werden dürfen. In Nachbarländern seien indes teils deutlich höhere Mengen als sicher eingestuft. Außerdem werde transparent über die Inhaltsstoffe, enthaltene Mengen und die empfohlene Verzehrmenge informiert. dpa/nd

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