Wartezimmer mit Kaffeehausatmosphäre

BKK-Gesundheitszentrum Hamburg bündelt ärztliche Kompetenz zum Nutzen des Patienten

  • Susann Witt-Stahl, Hamburg
  • Lesedauer: 3 Min.
Der Trend geht zur ärztlichen Grundversorgung unter einem Dach – in Gesundheitszentren. Experten beurteilen diese Entwicklung insgesamt positiv. Einige warnen aber auch vor einem Rückgang der Anbietervielfalt und den Folgen.
Bistrotische und Korbsessel machen das Warten angenehm.
Bistrotische und Korbsessel machen das Warten angenehm.

Eine Oase für Gesundheit und Wohlbefinden: Am Empfangscounter wird nicht nur den Patienten freundlich und zuvorkommend begegnet. Er dient auch als Logistik-Zentrale der acht Arzt-Praxen, die sich in dem Hamburger Gesundheitszentrum ForumVitalis niedergelassen haben. Auf einer Fläche von 1200 Quadratmetern, die in einladend helle, großzügig bemessene Räume aufgeteilt ist, bieten 13 Ärzte medizinische Grundversorgung in einem Guss an: Vom Hausarzt über die Facharztsparten, den Unfallchirurgen, Anästhesisten bis zur Psycho- und Sprachtherapie.

Der Besucher nimmt an einem Bistrotisch in einem gemütlichen Korbsessel Platz – in der Patienten-Lounge herrscht eher Kaffeehaus- als die altgewohnte Wartezimmeratmosphäre, die schon viele Menschen mit sensiblem Gemüt abgeschreckt hat. »Nach einer Thoraxuntersuchung hat der Facharzt die Röntgenbilder schneller vorliegen als der Patient sein Hemd wieder anziehen kann«, weist Geschäftsführer Gundolf zum Felde auf die medizinischen Vorteile von Gesundheitszentren hin: Zudem könnten bei einer Bündelung ärztlicher Kompetenz nicht nur die Abläufe aller diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen interdisziplinär optimal organisiert und aufeinander abgestimmt werden. Sie bietet auch die Möglichkeit eines effizienten Zeitmanagements durch Koordination der Behandlungstermine.

Das im Norden Hamburgs in Lokstedt vis à vis des Norddeutschen Rundfunks angesiedelte ForumVitalis wurde 2007 eröffnet und garantiert Versicherten der Betriebskrankenkassen (BKK) seit dem Sommer dieses Jahres einen bevorzugten Service: Eine Abend- und eine Samstagsprechstunde wöchentlich, zeitnahe Terminierung – innerhalb der nächsten drei Werktage –, eine Wartezeit von maximal 30 Minuten und Behandlung nach qualitätsgesicherten Leitlinien. In diesem Pilotprojekt bleiben ForumVitalis und BKK voneinander unabhängige Kooperationspartner: »Die BKK investieren keinen Cent in unser Zentrum«, erläutert Geschäftsführer zum Felde. »Wir erbringen lediglich Leistungen, die die Krankenkassen für ihre Patienten ordern.«

Im Gegensatz zu anderen Krankenkassen wollen die BKK nach eigenen Angaben keine neuen Gesundheitszentren »auf die grüne Wiese setzen, mit dem Risiko, dass aus Stadtteilen mit unterdurchschnittlicher Versorgung Ärzte abgezogen werden«. Auch der Tendenz zur Bildung von Anbieter-Oligopolen, die im Bereich der Klinken fortgeschritten ist und sich auf dem ambulanten Sektor ausweitet, wolle man nicht folgen, versichert Dr. Dirk Janssen, Geschäftsbereichsleiter des Versorgungsmanagements beim BKK-Landesverband Nord. Es gehe vielmehr darum, bestehende medizinische Netzwerke zu nutzen. »Wir wollen keine BKK-Zentren mit einheitlich gelb gestrichenen Wänden«, betont Janssen. »Die Anbietervielfalt soll erhalten bleiben.« Die Frage, ob das Recht des Patienten auf freie Arztwahl eingeschränkt werde, beantwortet der BKK-Manager mit einem klaren Nein. »Wir wollen keine Zweiklassenmedizin.« Außerdem solle der Qualitätswettbewerb unter den Ärzten nicht gebremst, sondern gefördert werden.

Wie das Hamburger Ärzteblatt berichtet, teilen nicht alle Mediziner den Optimismus der Kassenvertreter: »Der Gesundheitsmarkt wird zwischen einigen großen Anbietern aufgeteilt«, sagte Dr. Peter Kaupke im Rahmen einer Podiumsdiskussion, zu der vom BKK-Landesverband Nord eingeladen worden war. Der Augenarzt unterhält eine eigenständige Praxis mit einem Ableger im ForumVitalis. Die Patienten würden in Zukunft immer häufiger auf den Arzt ihres Vertrauens verzichten, prognostizierte Kaupke, und den Mediziner aufsuchen, der gerade Dienst hat.

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