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Charakterliche Verfehlung
Jan-Hendrik Olbertz gilt als eher zurückhaltender Politiker, einer, der politische Klippen lieber weiträumig umschifft, als auf Konfrontationskurs zu gehen. Das ist ein Charaktermerkmal, kein Merkmal politischer Gesinnung. Unter dem Gesichtspunkt einer charakterlichen Verfehlung muss auch das gewertet werden, was den Meldungen zufolge Olbertz vor 20 Jahren in seiner Habilitationsschrift niedergeschrieben hat. Eine »peinliche ideologische Überanpassung« wird dem Erziehungswissenschaftler vorgehalten. Olbertz habe, so der Vorwurf, »eine marxistisch-leninistische Propagandaschrift« verfasst. Der Angegriffene selbst rechtfertigt sich damit, er habe ein paar Zugeständnisse machen müssen, da der Druck auf ihn groß gewesen sei.
Man kann diese Rechtfertigung auch so interpretieren: Olbertz war vor 20 Jahren ein Opportunist. Er wollte Karriere machen, so schnell wie möglich in den Professorenstand erhoben werden. Das Argument, das er zu seiner Verteidigung vorbringt, ist dürftig: Er habe Freiräume gewinnen wollen, indem er seine Sprache jener der Mächtigen angepasst habe. Seine wahre Gesinnung habe er hinter »albernen real-sozialistischen Zitaten« versteckt.
Diese Freiräume hätte er auch ohne Habilitationsschrift haben können. Über seine Eignung als künftiger Präsident der Berliner Humboldt-Universität sagt das alles dennoch nichts aus. Wenn Kandidaten für hohe Ämter nach dem Unsinn beurteilt würden, den sie vor 20 Jahren verzapft haben, wäre nicht nur bei der Hochschulrektorenkonferenz so mancher Stuhl leer.
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