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Entsteht eine Armee fürs Innere?
Ulrich Sander über seine Abneigung gegen Gulasch vom Reservistenverband/ Sander ist Bundessprecher der VVN-BdA
ND: Das »Rückgrat der Bundeswehr«, der »Verband der Reservisten«, ruft seine rund 125 000 Mitglieder auf, am 25. September öffentliche Aktionen auf Marktplätzen durchzuführen. Von der Tombola über Musikprogramme bis zur Gulaschkanone soll den Besuchern viel geboten werden. Was ist daran auszusetzen?
Sander: Der »Tag der Reservisten« ist die Fortsetzung der Werbung für die Bundeswehr im öffentlichen Raum. Es sollen neuen Rekruten für die aktive Armee geworben und das Image verbessert werden. Die Art der Werbung ist dabei sehr zweifelhaft. So schrieb der Verband in seinem Organisationshandbuch für den »Tag der Reservisten 2008«, dass Musik »unter Umgehung des Verstandes direkt ins Gemüt« gehe und so »ein positives Klima« für die Gespräche mit den Bürgern schaffe. 2008 konnten am Reservistentag bei rund 100 Veranstaltungen nach eigenen Angaben knapp eine Million Menschen umworben werden. Die antimilitaristische Initiative »kehrt-marsch« hat daher Proteste initiiert.
Dieses Jahr steht der Tag unter dem Motto »50 Jahre Reservistenverband – 50 Jahre für Frieden und Freiheit«. Wie hat sich der Verband in dieser Zeit entwickelt?
Der Verband wurde 1960 auf Beschluss des Bundestags gegründet und wird von der Bundeswehr bezahlt. Er erfüllt die Funktion, die Gesellschaft weiter zu militarisieren und auf Kriege vorzubereiten. Dabei stand der Verband seit jeher politisch sehr rechts – auch der NPD-Vorsitzende Udo Voigt ist noch Mitglied.
Heute wird der Verband zunehmend aktiver: Viele Reservisten gehen in Auslandseinsätze, in Afghanistan sind schon drei Reservisten gefallen, und auch die zivil-militärische Zusammenarbeit im Inland fußt auf Reservisten. In jedem Landkreis und in jeder kreisfreien Stadt wurden vor einigen Jahren so genannte Verbindungskommandos bestehend aus zwölf Reservisten aufgestellt. Diese sollen Polizei und anderen Einrichtungen bei der Bewältigung von Katastrophen helfen. Wir wissen heute, dass die Reservisten auch gegen Streiks und Demonstrationen zum Einsatz kommen können.
Wie viel Reservisten gibt es in der Bundesrepublik?
Das Reservoir der Reservesoldaten, ist unglaublich groß. 2005 wurde das Alter für Reservisten unbemerkt von der Öffentlichkeit von 45 auf 60 Jahre angehoben. Und bei der derzeitigen Wehrdiskussion wird übersehen, dass die Wehrpflicht künftig ausgesetzt wird, aber die Wehrpflichtigen der Jahrgänge ab 1950 der Truppe als Reservisten erhalten bleiben. Es entsteht eine Armee im Innern.
Auf der nordrhein-westfälischen Landesgartenschau in Hemer soll es im Rahmen eines »Tages der Bundeswehr« am 28. September zu einem der größten Reservistentreffen der Bundesrepublik kommen. Auch dagegen regt sich Protest …
In Hemer trifft sich die aktive Bundeswehr mit Mitgliedern des »Deutschen Bundeswehrverbands« und des Reservistenverbands. Es soll Panzerschauen, ein Musikprogramm und Spiele geben. Die Militärs berufen sich darauf, dass das Gelände lange Zeit eine Bundeswehr-Kaserne war. Das stimmt, ist aber dennoch zynisch. Ursprünglich war das Kasernengelände ein Kriegsgefangenenlager. Etwa 25 000 vor allem sowjetische Gefangene haben hier im Zweiten Weltkrieg den Tod gefunden. Dabei wurde das Lager von der Wehrmacht, also der Vorgänger-Armee der Bundeswehr, geleitet.
Wir werden uns am 28. September mit einigen Friedensgruppen um 11 Uhr vor dem Eingang der Gartenschau treffen, um gegen das Militaristentreffen am Ort des Todes zigtausender Kriegsgefangener zu protestieren. Fragen:
Michael Schulze von Glaßer
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