Unauffällig

Ali Bardakoglu / Der oberste türkische Religionswächter ist abgetreten

  • Jan Keetman
  • Lesedauer: 2 Min.

Ali Bardakoglu hat die weiße Kappe abgegeben. Der Leiter der türkischen Religionsbehörde hat das Zeichen seiner Amtsgewalt seinem Nachfolger Mehmet Görmez aufgesetzt. Nach eigenem Bekunden geht Bardakoglu freiwillig. In der türkischen Presse gab es indessen Gerüchte, Bardakoglu sei zum Rücktritt gezwungen worden, weil er Reformvorhaben der Regierung, insbesondere die Öffnung gegenüber Kurden und Alewiten, nicht unterstützt habe.

In der Tat kommt der Rücktritt, des noch von dem streng laizistisch gesinnten Präsidenten Ahmet Necdet Sezer eingesetzten Ali Bardakoglu etwas überraschend. Sein Vorgänger Mehmet Nuri Yilmaz war elf Jahre im Amt und 60 Jahre alt, als er ging. Ali Bardakoglu war nur sieben Jahre im Amt und ist 58 Jahre alt.

Noch vor kurzem schien er voller Tatendrang, als er verkündete, Imame sollten in Zukunft in der Gesellschaft auch außerhalb der Moschee eine größere Bedeutung haben. Andererseits war bisher nichts über ein Zerwürfnis zwischen Bardakoglu und der Regierung Erdogan bekannt.

Die Religionsbehörde, Diyanet Isleri Backanligi oder kurz Diyanet genannt, wurde von Atatürk 1924 gegründet. Sie wacht über den islamischen Glauben, die Ausführung des Gebetes und die Sitten. So entschied das Diyanet beispielsweise, dass eine Bluttransfusion kein Verstoß gegen die Fastenregeln sein kann. Das Diyanet hat einen Etat von rund einer Milliarde Euro und steht allen Imamen im Lande vor.

Bevor Bardakoglu in das Amt berufen wurde, war er Theologieprofessor und beschäftigte sich besonders mit islamischem Recht. Seine Amtsführung war zunächst unauffällig. Auf die berühmte Rede von Papst Benedikt in Regensburg, in der er offen den islamischen Glauben kritisierte, antwortete Bardakoglu jedoch scharf. Er weigerte sich zunächst, mit dem Papst bei dessen Türkei-Besuch zusammenzutreffen, musste dann aber zugeben, dass er Benedikts Rede nur aus Zitaten der türkischen Presse kannte. Schließlich traf er doch mit dem Papst in Ankara zusammen.

Ansonsten hielt sich Bardakoglu, wie es sich für den Leiter einer Behörde gehört, politisch zurück. Aber vielleicht hatte man mehr von ihm gewollt.

Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.

Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.

Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.

Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!

Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:


→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.

Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.

- Anzeige -
- Anzeige -