Das türkische Modell – der goldene Mittelweg?
Politik gemäßigter Islamisten wie Recep Tayyip Erdogan hat im arabischen Raum viele Sympathien
Die Türkei scheint zum Modell für immer mehr arabische Staaten zu werden. Mehr als 65 Prozent aller Befragten sagten in einer repräsentativen Umfrage, die in sieben Staaten des Nahen Ostens durchgeführt wurde, sie sähen in der Türkei ein Modell für ihr Land. Mehr als 85 Prozent wünschen sich einen größeren türkischen Einfluss in der Region.
Das ist das herausragende Ergebnis einer gestern veröffentlichten Studie, die die renommierte Istanbuler Denkfabrik TESEV im letzten September durchgeführt hat. Befragt wurden rund 2500 Menschen in Ägypten, Jordanien, Saudi-Arabien, Libanon, Syrien, Irak und Iran. Das Ergebnis der Studie kommt jetzt genau zum richtigen Zeitpunkt. Seit die Bevölkerung in Tunesien und Ägypten gegen ihre Diktatoren auf die Straße geht und es auch in Jordanien, Jemen und vermutlich bald auch in Syrien zu großen Protestdemonstrationen kommt, stellt sich die Frage immer dringender, was denn auf die Diktatorendämmerung folgen wird. Fast alle Beobachter sind sich einig, dass es im Nahen Osten nicht in wenigen Monaten zu einer lupenreinen Westminster-Demokratie kommen kann. Warum auch sollten sich die Menschen vom Maghreb bis zum Persischen Golf unbedingt an Großbritannien ausrichten, wenn sie über ihre Zukunft selbst entscheiden können. Aber die Demonstranten in Tunis und Kairo wollen auch nicht ihren Diktator gegen eine Mullah-Theokratie nach iranischem Vorbild eintauschen. Die Türkei scheint da ein guter Mittelweg. Auch in Anatolien ist die Mehrheit muslimisch – darauf weisen 15 Prozent der Befragten ausdrücklich hin. Aber anders als im Nahen Osten gibt es in der Türkei seit den 50er Jahren Wahlen, die diesen Namen verdienen, auch wenn das Militär in derselben Zeit dreimal putschte und jeweils für eine Übergangszeit die Macht übernahm.
Eine echte Inspiration für den Nahen Osten, das zeigt auch die Umfrage, wurde die Türkei aber erst, nachdem die islamisch grundierte AK-Partei 2002 an die Macht kam. Ministerpräsident Erdogan hat es geschafft, das westlich orientierte Militär politisch in die Schranken zu weisen, eine konservativ-religiöse, mit vielen Ländern des Nahen Ostens kompatible gesellschaftliche Grundhaltung durchzusetzen und gleichzeitig ein stabiles Wirtschaftswachstum von durchschnittlich fünf bis sechs Prozent hinzulegen.
Seit Erdogan als Reaktion auf den letzten Gaza-Krieg auch noch auf Konfrontationskurs zu Israel ging, schossen seine Popularitätswerte in der arabischen Bevölkerung erst recht in die Höhe. Diese Politik ist mittlerweile auch materiell und kulturell unterfüttert. Die Türkei intensivierte ihren Wirtschaftsaustausch mit den arabischen Ländern, redet sogar schon von einer Freihandelszone nach EU-Vorbild und hat mit fast allen arabischen Staaten die Visafreiheit eingeführt. Arabische Touristen erfreuen sich seitdem in immer größerer Anzahl der Freiheit, die ein Istanbul-Urlaub gewährt, während sie zu Hause türkische Seifenopern im Fernsehen anschauen. »Es liegt deshalb nahe, dass sich viele Araber durch die Türkei inspirieren lassen«, sagte Fadi Haruka, Professor am Londoner Chatham House gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters.
Doch andererseits seien die Unterschiede auch groß. »Die Türkei ist seit Jahrzehnten NATO-Mitglied und EU-Kandidat. Und seit der Gründung der Republik 1923 ist die Trennung von Staat und Religion durchgesetzt. Die Menschen sind daran gewöhnt, daran ändert auch die islamische Regierung der AKP nichts«, sagt Haruka.
Daran haben aber gerade etliche Türken erhebliche Zweifel. Vor allem die Opposition in der Türkei merkt derzeit bitter an, dass sich die arabischen Brüder und Schwestern nicht eine Regierung zum Vorbild nehmen sollten, die gerade dabei sei, die demokratische Kultur und die Herrschaft des Rechts zugunsten eines immer autokratischer regierenden Ministerpräsidenten zu ersetzen.
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