Janusköpfe

Standpunkt von Roland Etzel

  • Lesedauer: 2 Min.

Gaddafi hat keine Gönner mehr – falls er je welche hatte. Verlierer, besonders politische, sind einsam, noch ehe sie Macht und Einfluss ganz verloren haben. Dieses bekannte Szenario fällt im Falle des schrillen libyschen Führers noch krasser aus. Verkracht mit den Nachbarn und verfeindet mit der westlichen Welt, besonders den USA, ist das Libyen Gaddafis schon über die Hälfte seiner vier Jahrzehnte währenden Herrschaft. Es gibt in Arabien/Afrika wohl keinen Staatsmann, der die Welt schärfer polarisierte. Muammar al-Gaddafi ist der Prototyp eines Januskopfes: auf der einen Seite der Visionär für eine Gesellschaft, die andere – nicht er – als eine Art islamischen Sozialismus bezeichneten; auf der anderen ein grausamer manischer Herrscher, dem jegliche Toleranz fremd zu sein scheint. In diesem Sinne war er ein völlig politikunfähiger Mensch und musste auf diesem Feld am Ende scheitern. Seine jüngste Rede beseitigte da letzte Zweifel.

Dennoch: Die Kübel an Abscheu, die derzeit von Europa nach jenseits des Mittelmeeres gegossen werden, riechen doch erbärmlich nach Scheinheiligkeit. Gaddafis Öl bescherte ihm ja auf dieser Seite des Mittelmeeres nicht wenige Geschäftspartner. Gerade die, die sich jetzt am meisten ent-rüsten, haben ihn aber bis gerade eben noch ge-rüstet. Wieviel Minuten deren Rüstungsembargo noch vor zwölf gekommen ist, entscheidet sich in diesen Stunden. Janusköpfig dürfen sie mindestens auch genannt werden.

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