Die Collectivos sind eine Welt für sich

Temperament, Lautstärke und Abgase bestimmen den Straßenverkehr in Peru

  • Andreas Knudsen, Lima
  • Lesedauer: 3 Min.

Um es vorwegzunehmen – sobald sich die Gelegenheit ergibt, stürze mich wieder hinein, aber eine Herausforderung wird es bleiben. Auf einer mehrwöchigen Reise durch Peru war reichlich Gelegenheit gegeben, auf engstem Abstand – und das sollte wörtlich genommen werden – zu erleben, wie der Straßenverkehr im Andenland funktioniert.

Oder manchmal auch nicht, wenn alle Fahrer insbesondere in der Hauptstadt Lima darauf bestehen, vorwärtszukommen und Ampelkreuzungen blockiert werden, bis sich irgendwo ein Loch öffnet und der Stau langsam verrinnt. Gekämpft wird hier um jeden Zentimeter und in diesem Lichte gesehen passieren doch erstaunlich wenige Zusammenstöße.

Ein wirkliches Problem ist die Abgaswolke, die über Lima und anderen südamerikanischen Städten hängt. Das Wort »Catalizador« bedeutet im Spanischen das gleiche wie Katalysator, aber diese Technik hat scheinbar ihren Weg ebenso wenig dorthin gefunden wie der Begriff Abgastest.

Das grundlegende Problem besteht darin, dass es außer Bussen keinen öffentlichen Transport gibt. Neben Privatautos sorgen Flotten von Taxis der verschiedensten Firmen und Busse, die sogenannten Collectivos, für die Beförderung. Gemeinsam ist ihnen allen, dass sie die regulierenden Zeichen der Verkehrspolizisten, Schilder und Spurmarkierungen als dekorative Elemente betrachten. Sie haben immer grün, auch wenn ein vorwitziger Fußgänger meint, diese Farbe an seiner Seite zu haben. Sprung- und sprintbereit muss er immer sein.

Das wichtigste Zubehör eines jeden Autofahrers ist neben dem Gaspedal mit Abstand die Hupe. Je nach Situation bedeutet sie: »Nun fahr schon, zwischen dir und dem nächsten Auto sind bestimmt 50 Zentimeter Abstand.« »Warum geht es nicht weiter?« »Spurwechsel« oder »Taxi an Fußgänger: spring rein.«

Die Collectivos sind eine Welt für sich. Oft sind es VW- oder ToyotaBusse und der Ortsunkundige meint beim Anblick vieler Autos, dass sie bereits voll seien. Die zumeist jungen Männer, die neue Fahrgäste einfangen sollen, sind aber ganz sicher anderer Meinung. Nur wer aggressiv ist, bekommt neue Fahrgäste und sichert damit Einnahmen. Also gibt es den Begriff »voll« nicht. Mein Erlebnisrekord verzeichnete 19 Fahrgäste plus Fahrer und Fänger-Schaffner. Aber letzterer zählt vielleicht nicht, denn der größte Teil seines Körpers hängt ohnehin aus dem Auto heraus. Dazu lege man noch Temperaturen um die 35 Grad im Auto und überlaute peruanische Musik, die das Erlebnis komplett machen.

Gemeinsam haben alle Autos, dass ihre Reifen keinerlei Spuren von Profil aufweisen. Möglich ist es natürlich, dass es eine Reifenfabrik irgendwo in der Welt gibt, die sich auf die Produktion solcher Spezialreifen spezialisiert hat. Wenn man aber Fahrgast in einem derartigen Auto ist, dass auf schmalen, gewundenen Straßen schnittig durch die Berge und dabei durch diverse Bäche fährt, kann man darüber nachdenken, ob fehlende Haftreibung vielleicht durch Höhenmeter ausgeglichen werden.

Auf einer der Fahrten durch das südamerikanische Land geschah auch das, was der ungeübte Europäer vom ersten Meter an erwartet: das hässliche Metallschurren signalisiert, dass die Passage diesmal unter dem sonst normalen Abstand, der in etwa der Dicke einer Zeitungsseite entspricht, vonstatten ging.

Dieser »Autokuss« liefert eine neue Überraschung. Statt dass jeder der Fahrer Gas gibt und verschwindet – wenden und hinterherfahren wären nicht möglich – stoppen sie. Selbst der Wortschwall ist begrenzt. Ein versehentlicher Schluck aus einem fremden Glas in einer europäischen Kneipe würde einen schlimmeren Streit hervorrufen, hier aber tauscht man einfach die Versicherungsinformationen aus und fährt dann weiter. Und natürlich nicht »angemessen den Straßen- und Sichtverhältnissen« – gesehen mit den Augen eines Nordeuropäers.

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