Georgiens Opposition macht mobil
Nach den Zusammenstößen am Wochenende soll am Mittwoch ein »Tag des Zorns« folgen
Die Oppositionsführer riefen ihre Anhänger auf, bis zum siegreichen Ende durchzuhalten. Saakaschwili, so Ex-Parlamentschefin Nino Burdschanadse, trage die Schuld »an der tiefen politischen und wirtschaftlichen Krise im Land«. »Saakaschwili zerstört Georgien«, sekundierte Ex-Schachweltmeisterin Nona Gaprindaschwili. Gemeint war vor allem der Fünf-Tage-Krieg mit Russland im August 2008, als der Präsident versuchte, das abtrünnige Südossetien mit Waffengewalt zurückzuerobern. Kritiker sprachen von einem Abenteuer, mit dem Saakaschwili sich aus dem Umfragetief herausarbeiten wollte.
Wegen schlechter Wirtschaftsdaten und Massenelend – beides auch ein Ergebnis der Wirtschaftsblockade, mit der Russland sich für die Provokationen des prowestlichen Saakaschwili rächte, den die »Revolution der Rosen« 2003 an die Macht spülte – hatten schon im Herbst 2007 allein in Tbilissi 100 000 Menschen den Rücktritt des einstigen Hoffnungsträgers verlangt. Saakaschwili ließ den Protest mit brutaler Gewalt auflösen, rang sich auf Rat seiner US-amerikanischen Paten zwar zu vorgezogenen Präsidentenwahlen im Januar 2008 durch, soll deren Ergebnisse jedoch manipuliert haben. So jedenfalls behaupten seine Gegner, die ihm außerdem Demokratiedefizite bescheinigen.
Zu Recht: Erst am letzten Freitag unterzeichnete Saakaschwili einen Erlass, der den Rechtschutzorganen zwecks Terrorbekämpfung die Einschränkung von Freiheitsrechten erleichtert. Für Bürgerrechtler und die Opposition ein »Schritt zum Polizeistaat«. Und offenbar der Tropfen, der aus Sicht der Opposition das Maß vollmachte. Und bereits am Mittwoch, den Saakaschwilis Gegner zum »Tag des Zorns« erklärten, droht der Konflikt weiter zu eskalieren.
Dann nämlich will General Irakli Okruaschwili aus dem politischen Exil in Frankreich zurückkehren, um nach eigenen Worten »ein Ende mit Saakaschwili zu machen«. Mit diesem hatte er sich 2006 überworfen; Saakaschwili hatte seinen Plan, Südossetien »mit minimalen Verlusten« zurückzuerobern, abgelehnt und ließ ihm nach dem Wechsel zur Opposition den Prozess wegen Erpressung machen. Das georgische Innenministerium will die langjährige Haftstrafe, zu der Okruaschwili in Abwesenheit verurteilt wurde, vollstrecken, sobald er georgischen Boden betritt. Das indes würde ihn definitiv zum Märtyrer machen und den Zorn der Massen zusätzlich befeuern.
Jung und strahlend ist Okruaschwili genau jener Charismatiker, der die Opposition einen und die Massen mit Erfolg ins entscheidende politische Gefecht führen könnte. Denn noch verweigern Teile der Opposition Ex-Parlamentschefin Burdschanadse und deren Sammlungsbewegung »Allgemeine Volksversammlung« die Gefolgschaft. Für die »heilige Sache der Befreiung Georgiens« sei man jedoch bereit, alle Kränkungen zu vergessen und Rivalitäten in den Hintergrund zu stellen, so am Wochenende der Generalsekretär von Okruaschwilis »Georgischer Partei«, der Unternehmer Lewan Gatschetschiladse, der 2008 bei den Präsidentenwahlen gegen Saakaschwili antrat. Die Menge – allein in Tbilissi waren Zehntausende auf die Straße gegangen – reagierte mit stürmischem Beifall.
Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.
Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.
Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.
Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!
Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:
→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.
Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.