Flaute im Südwesten

Warum Baden-Württemberg nur 0,8 Prozent seines Stroms aus Windenergie produziert

  • Anika Greve-Dierfeld, dpa
  • Lesedauer: 3 Min.
Einst war Baden-Württemberg Forschungspionier in Sachen Windenergie. Eigentlich eine gute Voraussetzung für eine Vorreiterrolle. Doch heute ist das Bundesland neben Bayern Wind-Schlusslicht. Wie konnte das passieren?

»Verspargelung der Landschaft« – mit diesem Bonmot hat der frühere baden-württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel (CDU) Anti-Windkraft-Geschichte geschrieben. Er verhöhnte die ihm verhassten Anlagen als »mittelalterlich« und behinderte damit den Ausbau der Windenergie im Südwesten nachhaltig.

Gerade mal knapp 370 Windkraftanlagen mit insgesamt 450 Megawatt Leistung hat Baden-Württemberg. Nur 0,8 Prozent des Stroms im Land stammen aus der Windkraft. Der kleinere Nachbar Rheinland-Pfalz hat immerhin knapp 1100 Anlagen, mit denen er etwa 6,5 Prozent seines Stroms produziert. Der Spitzenreiter Niedersachsen verfügt sogar über eine Gesamtleistung von 6000 Megawatt. Peter Griebl, der 1994 die ersten kommerziell betriebenen Windräder Baden-Württembergs auf dem Berg Hornisgrinde im Schwarzwald errichtete, unterstellt Teufel: »Es war reine Verhinderungspolitik.« Wurde die Windenergie in Baden-Württemberg also schlicht »verteufelt« und dümpelte die Branche deshalb lange vor sich hin?

»Nein, nicht nur«, sagt der Heilbronner Windenergie-Experte Heiner Dörner. Eine Rolle hat auch gespielt, dass niedrige Windräder – und nur solche waren lange Zeit technisch möglich – im hügeligen Baden-Württemberg nicht ertragreich genug waren. »Bei uns muss man höher hinaus.« Am besten mit Nabenhöhen von über 100 Metern an exponierten Standorten.

Der Faktor Atom

Daraus ergab sich das nächste Problem. »In Baden-Württemberg weht der Wind meistens auf den Bergen«, sagt Andreas Rettenmeier vom Stiftungslehrstuhl Windenergie in Stuttgart. »Aber je höher die Windräder stehen und je höher sie selbst sind, desto mehr sieht man sie – und das wollten viele Bürger lange Zeit nicht.« Allein wegen der Optik seien viele Gemeinderäte gegen Windenergie gewesen, sagt auch Dörner.

Aber das Optik-Argument war nach Ansicht des stellvertretenden Vorsitzenden des Landesverbands Windenergie, Andreas Heizmann, nur vorgeschoben. »Vor allem die unglückselige Verquickung mit der Kernenergie stand der Windkraft im Weg.« Die Kommunen als Anteilseigner des Energieversorgers EnBW hätten ein vitales Interesse an Gewinnen des Atomkonzerns gehabt. »Erst langsam begreift man, dass man auch mit Windenergie richtig Geld verdienen kann.« Heizmann weiß, wovon er spricht. Er betreibt die bundesweit ertragsreichste Anlage auf dem Brandenkopf im Kreis Ortenau.

Um Konflikte mit empörten Bürgern zu vermeiden und die »gute Zusammenarbeit mit Atomkraftbetreibern« nicht zu stören, hätten die baden-württembergischen Regionalverbände jahrelang absichtlich ungeeignete Standorte ausgewiesen. Der neue Windatlas, der kürzlich noch von der alten Landesregierung vorgestellt wurde, beurteilt nun immerhin die Ertragsmöglichkeiten. Demnach ist genug Potenzial vorhanden, den bisherigen Windanteil an der Stromerzeugung bis 2020 auf zehn Prozent hochzuschrauben.

»Aber in der Regionalversammlung gibt es immer noch die alten politischen Verhältnisse«, gibt Heizmann zu bedenken. Ob man dort den Vorgaben der neuen grün-roten Regierung in Stuttgart folge, sei längst nicht ausgemacht. Die Hoffnungen liegen nun auf dem deutschlandweit ersten grünen Ministerpräsidenten. Winfried Kretschmann soll neuen Wind bringen, auch in Sachen Bürgerbeteiligung. Sie sollte am besten per Gesetz festgeschrieben werden, heißt es.

Vereinfachte Verfahren?

Vereinfachte Genehmigungsverfahren für Windkraftanlagen erhoffen sich Griebl und Dörner: »Allein, wenn man inzwischen veraltete Anlagen ohne großen Aufwand gegen neue austauschen könnte, wäre schon viel gewonnen.« Wenn die Bürokratie nicht dauernd dazwischengrätschen würde, so sagt Rettenmeier, könnte er sich auch selbst als Windkraftbetreiber vorstellen: »Ich jedenfalls würde mir sofort ein Windrad in den eigenen Garten bauen.«

- Anzeige -

Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.

Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.

Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.

Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!

Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:


→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.

Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.