Nachwuchs für Talkshows
Kommentar von Silvia Ottow
Ich habe eine Nachbarin, die ich hin und wieder in einer Fernsehsendung sehen kann. Sie wird gebucht, wenn jemand aus dem Osten das Thema Altersarmut illustrieren soll. Mit typisch Berliner Schnauze schildert die Mutter dreier Kinder und ebenso vieler Enkelkinder dann, wie sie mit ihrer knappen Rente über die Runden kommt, sich mit Behörden zankt und von der Caritas ein Fahrrad schenken lässt. Allein lebend hatte sie wenig verdient und ihre Erwerbstätigkeit immer wieder unterbrechen müssen. Nach der Wende war sie arbeitslos und ging putzen. In der letzten Sendung saß sie bei einem berühmten Moderator mit einem noch berühmteren Schauspieler zusammen. Der Schauspieler fragte, warum sie denn nicht für eine bessere Rente vorgesorgt hätte, und machte meine kommunikationsfreudige Nachbarin für einen Augenblick sprachlos.
Künftig wird die Auswahl an Gästen zu diesem Thema für Talkshowredaktionen wohl noch größer sein. Arbeitslosigkeit und Dumpinglöhne führen zu einem extremen Rückgang der Rentenanwartschaften im Osten. Um fast 27 Prozent sanken sie im letzten Jahrzehnt und dieser Trend wird in den kommenden Jahren immer mehr Menschen in die Armut treiben. Die Politik begründet ihr Nichtstun damit, dass die Ostrenten im Durchschnitt über denen im Westen liegen – wohl wissend, dass westlich der Elbe die meisten Älteren auf Betriebsrenten oder andere zusätzliche Vorsorge zurückgreifen können. Für die Zukunft Ost hat sie keine Idee.
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