Emsig ohne Leistungswahn
Die Linksjugend Sachsen wird zehn Jahre alt »Konferenzchen« zum Jubiläum
Auf die unumgängliche S-Frage kommt eine unerwartete Antwort. Welcher Strömung die Linksjugend Sachsen nahestehe, will der Reporter wissen, der den Hang zur Etikettierung in der LINKEN kennt. Doch Tilman Loos, der jugendpolitische Sprecher im Landesverband, spricht zunächst nicht über Reformer oder Radikale, sondern über ein Faible für Techno. Der sei bei Sachsens Linksjugend um einiges populärer als der sonst in linken Subkulturen deutlich präsentere Punk. Musik rangiert bei der Linksjugend offenbar vor Politik - wenn auch wohl nur knapp.
Ein Hang zu Elektrobeats ist nicht die einzige Eigenheit der Linksjugend Sachsen, die jetzt ihr zehnjähriges Jubiläum feiert. Im Freistaat hatte es wie anderswo Debatten darüber gegeben, wie eng sich junge Linke an die PDS binden wollten und wie erstrebenswert ein einheitlicher Jugendverband sei. In Sachsen entschied man sich nach zweijähriger Diskussion Ende 2001 dafür, ein zuvor loses Netzwerk, in dem solid, die AG Junge Genossen sowie weitere Gruppen mitarbeiteten, in einen Verband umzuwandeln. Bei einer Urabstimmung votierten 79 Prozent der Teilnehmer für die Gründung.
Es dürfte nicht zuletzt dieser Schritt gewesen sein, der dem Nachwuchs in Sachsens PDS einen vergleichsweise starken Stand verschaffte. Jährlich richtet der Landesverband einen Jugendtag aus; der jugendpolitische Sprecher wird auf Parteitagen direkt gewählt; ein hauptamtlicher Koordinator kümmert sich um Kampagnen und Veranstaltungen wie eine Herbstakademie und die legendären Pfingstcamps mit bis zu 400 Teilnehmern. Bei Listenaufstellungen wird das Votum der Parteijugend regelmäßig berücksichtigt - ein Umstand, der indes nicht überall auf Wohlwollen stieß: Der Begriff »Jugendbrigade« galt Älteren öfters als Schimpfwort; die gute Vernetzung der Junggenossen führte zum Vorwurf einer »Übernahme« der Partei. Immerhin haben etliche prominente LINKE ihre Karriere im sächsischen Parteinachwuchs begonnen, etwa Bundesvize Katja Kipping.
Im Verband selbst sieht man die Linksjugend indes weniger als machtpolitisches Instrument denn als Hort kontroverser und fruchtbarer politischer Debatten. Für das »Recht auf Rausch« wurde schon Jahre gestritten, bevor die Frage in Erfurt jüngst die Bundespartei beschäftigte. Auch mit Patriotismus setzt man sich gern auseinander, so, als während der Fußball-WM 2006 Deutschlandfahnen eingesammelt wurden. Die Aktion stieß freilich auch in der PDS bei Weitem nicht überall auf Begeisterung. Zu viel diskutierten Themen gehören Bürgerrechte und die Kritik des Arbeitsbegriffes. Das bedingungslose Grundeinkommen hat viele Befürworter; generell wende man sich gegen »Leistungswahn«, sagt der Leipziger Boris Krumnow, langjähriger Protagonist der Linksjugend. Die sei, sagt Loos unter Verweis auf solche Positionen, durchaus radikal, auch wenn sie gern dem Reformerlager zugerechnet wird.
Nach nunmehr zehn Jahren ist die Linksjugend auch ein Fall für die Historiografie: Dieser Tage erscheint eine Sonderausgabe der Zeitschrift »neuroticker« zum Jubiläum. Dort wird es neben historischen Reminiszenzen freilich vor allem um politische Debatten gehen, so wie auch bei einem »Konferenzchen«, mit dem morgen ab 18 Uhr im Dresdner »Haus der Begegnung« das Zehnjährige gefeiert wird. Dann folgt eine Party - vermutlich mit viel Techno.
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