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Unsicherer Protest
Lea Sandberg fragt, ob Occupy noch eine Chance hat
Ein gewachsener Ort von zentraler Bedeutung für den Berliner Ableger der internationalen bankenkritischen Bewegung Occupy war das Camp am Hauptbahnhof. Nun wurde es, wie Ende letzter Woche angekündigt, geräumt.
An den ersten Demonstrationen in Berlin nahmen noch Tausende Menschen teil; an den Versuchen, die Wiese vor dem Reichstag zum Camp umzufunktionieren, beteiligten sich ebenfalls zahlreiche Aktivisten. Und doch schien die Occupy-Bewegung in ihrer Außenwirkung recht schnell zu verpuffen. Auf den regelmäßigen Zusammenkünften, den Asambleas, wurde alles und jedes diskutiert und beraten. Nichts gegen Basisdemokratie. Doch eine Bewegung wie die globale Occupy darf nicht zum Happening oder Ort für eine individuelle Stressverarbeitung werden. Der persönliche Frust angesichts politischer Fehlentscheidungen und Misswirtschaft war und ist der richtige Antrieb, um aktiv gegen eben jene Missstände zu werden.
Wenn jedoch eine solche Bewegung ihren Bewegungscharakter verliert und stattdessen zu einer um ihrer selbst Willen existierenden Begegnungsplattform wird, auf der sich der Querschnitt der Empörten beispielsweise darüber austauscht, dass Nazis ja auch nur Menschen sind und deswegen mit ihrer jeweiligen Meinung ruhig mitspielen dürfen - dann hakt es.
Vielleicht bekommt die Occupy-Bewegung durch die Räumung wieder mehr Schwung. Mehr Trieb nach vorn. Zu wünschen wäre es ihr. Auf dass die Hartnäckigen, die auch bereit waren, Occupy sicher durch den Winter zu bringen, die Bewegung jetzt überall in Berlin weiter köcheln lassen.
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