»Ring frei« für Gysi und Lindner
Linksfraktionschef und FDP-Spitzenkandidat lieferten sich verbales Duell beim Polit-Boxen
Im Rahmen des Wahlkampfes in Schleswig-Holstein hat die FDP ein Format kreiert, das jede Talkshow in den Schatten stellt. Beim sogenannten Polit-Boxen duellierten sich Christian Lindner, Spitzenkandidat der FDP in Nordrhein-Westfalen, und Gregor Gysi, Fraktionschef der Bundestagslinken, unter freiem Himmel vor mehr als 400 Besuchern. Im Herzen der Rendsburger Innenstadt wurde dazu ein Boxring aufgebaut, auch Rundengong und Nummerngirls wurde nicht ausgespart.
Nach dem Kommando »Ring frei« begann eine mit Stichworten und Publikumsfragen gefütterte feurige Debatte der beiden rhetorischen Schwergewichte. Gysi (»linke Ecke«) setzte mit der Forderung nach einem Mindestlohn eine linke Gerade und damit - gemessen am Applaus - einen deutlichen Wertungstreffer. Lindner holte mit seiner Begründung, warum die FDP den geschassten Beschäftigten bei Schlecker die finanzielle Unterstützung für eine Transfergesellschaft vorenthielt, zum Tiefschlag aus.
Die angriffslustigen Kampfhähne schenkten sich nichts und trieben sich mit Forderungen wie nach der Millionärssteuer (Gysi) oder der Verabschiedung des Steuerabkommens mit der Schweiz (Lindner) von der einen Ringecke in die andere. Mit der Prügelattacke in Sachen Betreuungsgeld gegen die CSU waren sich beide Kontrahenten sogar einig. In Sachen Konjunkturbelebung warf Gysi sich für eine Stärkung der Binnenkaufkraft ins Zeug. Sein Gegenüber duckte sich ab und fokussierte seine Sichtweise fürs Wohlergehen der deutschen Wirtschaft auf die Exporterfolge.
Lindners Versuch eines Aufwärtshakens mit dem Hinweis auf Glückwunschtelegramme für Kubas langjährigen Staatschef Fidel Castro wehrte sein Widersacher mit dem Konter ab, dass er etliche Danksagungen von Kanzlerin Angela Merkel an Oberhäupter von Diktaturen aufzählen könne. Daraufhin kehrte der von seiner Partei auserkorene FDP-Hoffnungsträger wieder auf den Kurs »hart, aber fair« zurück.
Nahezu friedlich und ganz ohne Seitenhiebe ging es weiter. Lindner ließ sich entlocken, die hiesige Politiklandschaft sei ohne Gregor Gysi viel ärmer, und er kenne neben dem 64-Jährigen auch noch ein paar andere sympathische LINKE. Mit Bezug auf die Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen prophezeite Gysi der FDP den Einzug in die Parlamente. Bei derselben Frage wollte Lindner nach solch einer Charme-Offensive des Gegners nicht zurückstecken, relativierte allerdings seine Vorhersage mit »ich wünsche es den LINKEN«.
Am Ende der 70-minütigen Auseinandersetzung versprach Gysi zumindest eine weitere Redeschlacht, die dann von den LINKEN ausgerichtet wird.
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