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  • Wirtschaft und Umwelt
  • Dr. HARTMUT KRONE, Geschäftsführer der BUCK-INPAR GmbH Pinnow, zum Raketen-Unfall:

Die Sicherheit steht auf dem Prüfstand

  • Lesedauer: 4 Min.

Dr. Krone, Ende vergangener Woche kam es in der Firma zu einem Brand und damit zugleich zu einem schweren Unfall für die Mitarbeiter bei der Entsorgung der Boden-Luft-Raketen SA-6. Wie ist der Stand der Ermittlungen?

Die Rekonstruktion des Unfallhergangs ergab folgenden Sachverhalt: Nach der Entnahme des ca. 180 kg schweren Festtreibstoffes aus dem Starttriebwerk der Rakete SA-6 sowjetischer Bauart befindet sich dieser Raketenmotor auf einem Hubwagen. Dieser Hubwagen wird abgesenkt auf die Höhe einer Transportpalette, auf der dann der Motor abgelegt wird. Die Palette mit zwei Raketenmotoren wird anschließend vom Arbeitsplatz entfernt. Im speziellen Fall versuchte man mit dem Hubwagen in nicht abgesenkter Position den Raketenmotor in Richtung Transportpalette zu fahren. Dabei rutschte die Treibstoffstange vom Hubwagen herunter, entzündete sich und brannte aus. Zugleich griff der Brand auf das bereits demontierte Triebwerk der zweiten Rakete und auf die gesamte Arbeitsplatzeinrichtung über.

Es gab sieben zum Teil Schwer- bzw. Schwerstver-

letzte. Was können Sie über deren Befinden sagen?

Wie bereits informiert, erlitten bei dem Unfall sieben Mitarbeiter Verletzungen. Der Zustand des in einer Spezialklinik in Hannover liegenden Unfallopfers ist nach wie vor sehr ernst. Auf dem Weg der Besserung befinden sich der Mitarbeiter in Aachen sowie die drei im Klinikum Schwedt. Zwei der verletzten Mitarbeiter haben das Schwedter Klinikum bereits wieder verlassen können.

Wenn ich Sie richtig verstehe, wurde die Festtreibstoffstange nicht korrekt abgelegt?

Das ist erst einmal richtig, aber zieht sofort die Frage nach sich: Wer trägt die Schuld, wie konnte das passieren? Wir sind der Meinung, es ist Aufgabe der Geschäftsführung bzw. der Ingenieure der Arbeitsvorbereitung bzw der Leiter der Produktionsstätte, die Arbeitsplätze so einzurichten, .daß die Handhabung eines solch diffizilen Prozesses, der anders ablaufen kann als gewollt, nicht zulässig ist. Wenn wir bei der Munitionsentsorgung künftig Arbeitsgeräte und Arbeitsplätze installieren, dann müssen sie so eingerichtet sein, daß solch

gefährliche Abläufe nicht mehr möglich sind.

Sie bleiben bei Ihrer Meinung, daß den Unfall eine Reihe von Umständen auslösten?

Das ist nicht nur meine Meinung, die gesamte Untersuchungskommission gelangte zu der Auffassung, daß hierbei mehrere Faktoren eine Rolle spielen. Das beginnt beim Konzipieren und Einsatz des Arbeitsgerätes, das setzt sich fort über die Belehrung der Mitarbeiter und das endet schließlich bei der Erkenntnis, daß Menschen, aus welchen Gründen auch immer, von festgeschriebenen Arbeitsabläufen abweichen, selbst wenn sie es nicht dürfen.

Sie sprachen auch von Routine, ich frage Sie nach menschlichem Versagen?

Die Feststellung menschliches Versagen, ist sehr schwerwiegend. Wir haben diese Frage in der Kommission erörtert und sind einhellig zu der Aussage gekommen, wobei ich abschließenden Untersuchungen nicht vorgreifen will, daß ein solches Versagen nicht vorliegt. Die Routine, die Sie ansprechen, ist in der Tat ein Gefahrenmoment. Die Frage, was passiert eigentlich, wenn wir uns nicht so verhal-

ten, wie es vorgeschrieben ist, dürfen wir bei der Munitionsentsorgung zu keiner Stunde aus den Augen verlieren.

Wird es disziplinarische bzw. strafrechtliche Konsequenzen geben?

Das kann ich im Moment nicht sagen. Fakt ist, daß die Staatsanwaltschaft gegen die Geschäftsleitung ermittelt, da Menschen zu Schaden gekommen sind. Das Landeskriminalamt hat die Untersuchungen noch nicht endgültig abgeschlossen, es bleibt abzuwarten, was sie noch bringen.

Welche Fragen stehen für Sie bzw. die Geschäftsleitung jetzt im Vordergrund?

Das ist zum einen, wie helfen wir den Verletzten. Zum anderen geht es darum, das gesamte Sicherheitskonzept einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Das betrifft die Arbeitsinhalte ebenso wie die Logistik, die Werkzeuge und die Arbeitsgeräte, aber auch die Schulung bzw. Belehrung der Mitarbeiter. Gleichzeitig sehen wir es als unsere Pflicht an, jene Firmen, die mit ähnlichen Geräten arbeiten, schnell zu informieren, damit sie entsprechende Schlüsse daraus ziehen können. Fragen:

JAN SPAR

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