Chemie-Doktoren als Export-Schlager
Selbst top-ausgebildete Chemiefachleute tun sich bei der Stellensuche zunehmend
schwer. Kamen 1989 noch mehr als die Hälfte aller Chemiker mit Hochschulabschluß direkt in der Chemie-Industrie unter, so waren es im vergangenen Jahr noch ganze 16,2 Prozent, berichteten Fachleute auf der Chemie-Technik-Messe Achema. Fast ebensoviele knapp jeder siebte junge Chemie-Doktor oder 14,5 Prozent aller Absolventen deutscher Chemie-Studiengänge - suchten 1993 bereits ihr Heil im Ausland, berichtet Kurt Begitt
von der Gesellschaft deutscher Chemiker (GDCh). Denn in der Heimat wird es eng: Auf eine offene Stelle kamen 1992 in der Branche 30 Bewerber, hat die Bundesanstalt für Arbeit errechnet. Auch die Chemie-Technik-Anbieter auf der Achema, mögliche Ausweichstation für Chemie-Ingenieure, winken häufig ab: „50 bis 100 Bewerbungen von Ingenieuren jährlich sind sicher nicht zu hoch gegriffen“, sagt Marga Hemken-Renken von der nocado-Armaturenfabrik aus dem ostfriesischen Großefehn.
Noch düsterer sahen die Chancen für Chemiker 1993 bei der Frankfurter Hoechst AG aus: Von 1 228 hochqualifizierten Bewerbern habe die Firma ganze 22 eingestellt, berichtet Michael Magerstädt: „Auch gute Leute bleiben im Moment sitzen.“ Oft drehen sie eine weitere Warteschleife an der Universität (inzwischen jeder fünfte Absolvent) oder sie schweifen in die Ferne.
Renate Hoer von der Chemiker-Gesellschaft GDCh rät einem Absolventen mit Job-Angebot in Südafrika denn
auch, sein Glück dort zu versuchen. Bei einer Rückkehr in fünf oder zehn Jahren komme er genau im „Loch“ zurück: Die Zahl der Studienanfänger, die dann fertig werden, hat sich trotz deutscher Vereinigung innerhalb von fünf Jahren auf zuletzt 3 100 gut halbiert. Der deutsche Doktoren-Export geht meist in die Länder, die bei Gen- und Biotechnologie oder Computern die Nase vorn haben: Nordamerika und Asien.
ROLAND SIEGLOFF, dpa
Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.
Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.
Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.
Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!
Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:
→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.
Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.