AIDS: So früh wie möglich behandeln
Kongreß in München brachte keine Überraschungen / Neue Therapie verdoppelt die Lebenserwartung Von Ingeborg Fürst
Die Erwartungen sind hoch, die Zeit drängt, aber der therapeutische Durchbruch für AIDS-Patienten ist nicht in Sicht. Kleine Erfolge gibt es dennoch. Neue Strategien in der Behandlung der HIV-Infektion, der begleitenden opportunistischen Infektionen und des geschwächten Immunsystems machen den Betroffenen Hoffnung. Rund 1500 Wissenschaftler diskutierten vergangene Woche auf dem 6. Deutschen AIDS-Kongreß in München die neuesten Forschungsergebnisse. Das Motto des Kongresses »Auf dem Weg zum Durchbruch« erschien aber vielen Wissenschaftlern allzu optimistisch.
»Man ist auf dem besten Wege dazu, mit einer Kombination von Medikamenten die Vermehrung des Virus im Organismus dauerhaft auf Null zu drücken und so die Folgen der Infektion erheblich hinauszuzögern«, erläutert Kongreßpräsident Frank-Detlev Goebel von der Medizinischen Poliklinik der Ludwig-Maximilians-Universität München. Favorisiert wird derzeit die Kombination von drei
bis vier antiviralen Medikamenten. Möglichst früh, am besten wenige Wochen nach der Infektion mit dem Virus, soll die Therapie beginnen. »Bleibt die Virusmenge klein und die Rate der Vermehrung niedrig, hat der Patient einen eindeutigen Überlebensvorteil«, erläutert Volker Erfle, Virologe am GSF-Forschungszentrum in Oberschleißheim.
Zwei Wirkstoffgruppen, die klassischen Reverse-Transkriptease (RT)-Hemmer und die noch jungen Protease-Hemmer, greifen direkt in den Lebenszyklus des HI-Virus ein. Beide zielen darauf ab, bestimmte Virusenzyme, die für die Vermehrung des AIDS-Erregers entscheidend sind, zu blockieren. Das Immunschwäche-Virus befällt bevorzugt körpereigene Abwehrzellen, die T-Helferzellen. Sie aktivieren bestimmte Zellen des Immunsystems, die für die Vernichtung der Eindringlinge zuständig sind: die T-Killerzellen. Die Folge dieser Viren-Invasion ist ein immer schwächer werdendes Immunsystem. Ein Virus, das in seiner Vermehrung gehemmt ist, infiziert und zerstört deutlich weniger T-Helferzellen. In der Folgezeit verschiebt sich das Gleichgewicht zwischen infizierten und nicht-infizierten T-Helferzellen zugun-
sten der Produktion von Zellen ohne »blinde Passagiere«. Die Zahl der gesunden T-Helferzellen steigt, das Immunsystem erholt sich.
Immer schwieriger wird die Entwicklung neuer Therapien. Zunehmend machen Therapieresistenzen den Wissenschaftlern zu schaffen. Das Erbmaterial der Viren ist sehr anfällig für Mutationen. Manche dieser genetischen Mutationen sind für die Viren ein echter Überlebensvorteil: Sie sind resistent. Den Infizierten bleibt dann hur noch die bittere Erkenntnis, daß es keine weiteren antiviralen Medikamente mehr gibt.
Durch eine Kombinationstherapie, die aus mehreren antiviralen Substanzen besteht, läßt sich die Resistenzentwicklung zumindest hinauszögern. Denn als »gemischtes Doppel« können die Medikamente die Virusbelastung um bis 99 Prozent senken. Rund 80 Prozent aller HIV infizierten Patienten in Deutschland erhalten diese neue Form der Therapie. Erste klinische Daten belegen den Überlebensvorteil. Patienten, die mit einem RT-Hemmer behandelt wurden, lebten nach der Diagnosestellung noch rund 28 Monate. Patienjten hingegen, die mit RT- und Protease-Hemmern behandelt werden,
lebten rund 50 Monate. »Extrapolieren lassen sich diese Daten /licht, denn es liegen noch keine Ergebnisse aus Langzeitstudien vor«, dämpft Ingolf Schedel, Immunologe an der Medizinischen Hochschule in Hannover, die Euphorie.
Eine weitere Einschränkung liegt »in der Natur des Menschen«. 40 Prozent aller Patienten mit Vollbild AIDS hätten die Prophylaxe vernachlässigt, so Goebel. Noch ohne Symptome und Beschwerden, waren sie nicht bereit, streng nach Plan bis zu 20 Pillen am Tag zu nehmen.
Eine andere therapeutische Strategie ist die Prophylaxe opportunistischer Infektionen. Die »opportunistischen« Erreger der Hepatitis, der CMV-Retinitis - einer Netzhauterkrankung -, der Lungenentzündung und anderer Infektionskrankheiten haben sich bereits in den Organismus eingeschlichen, werden aber noch vom Immuhsystem in Schach gehalten. Dort warten sie dann auf eine günstige Gelegenheit - zum Beispiel eine Schwäche des Immunssystems -, um ihr krankmachendes Potential zu entfalten. Diese Infektionen sind letztendlich für den Tod der Patienten verantwortlich, allen voran die Lungenentzündung. Sie ist die häufigste Todesursache bei AIDS. Neuere Studien in den USA haben nun gezeigt, daß beinahe jeder dritte HIV-Patient ein erhöhtes Risiko hat, an bakteriellen Infektionen wie der Lungenentzündung zu erkranken. Denn ihm fehlen bestimmte Blutzellen zur Infektabwehr, die neutrophilen Granulozyten. Der Wachstumsfaktor G-CSF, der spezifisch die Zahl dieser Zellen erhöhen kann, wurde 152 HlV-Infizierten in den USA im Rahmen einer klinischen Studie verabreicht. Das Resultat: die Patienten in der G-CSF-Gruppe überlebten doppelt so lange wie die unbehandelten Patienten, ex-
akt 466 statt 216 Tage. In Deutschland ist der Wachstumsfaktor für die Behandlung der Neutropenie bei HIV-Patienten noch nicht zugelassen, so ein Sprecher der deutschen Tochter des amerikanischen Produzenten Amgen.
Trotz unbestreitbarer Fortschritte im Kampf gegen das HI-Virus und die ihn begleitenden Erreger: Eines vermag keine der genannten Therapien - das geschwächte Immunsystem aufzupäppeln. Zytokine, die die Kommunikation der Zellen untereinander steuern, sollen jetzt die dezimierten T-Helferzellen an Zahl und Kampfeslust steigern. Von besonderem Interesse für die Forscher sind hier die Interleukine. Sie machen T-Helfer- und T-Killerzellen scharf. Einziges Problem: T-Helferzellen, die HI-Viren als »blinde Passagiere« bergen, könnten ebenfalls von der Stimulation profitieren und vermehrt neue Viren freisetzen. Klinische Studien mit Interleukin 2, 10 und 12 in den USA zeigten jedoch, daß bei der Therapie die Virenlast nur unwesentlich stieg. Das Erstaunliche daran: die Patienten erhielten keine zusätzlichen antiviralen Medikamente. Die T-Helferzellen konnten bis zu einem gewissen Grad das Virus auch alleine in Schach halten.
Eine Begrenzung ist allen Behandlungen gemeinsam: Wer kann sie sich noch leisten? »Kein Patient mußte bisher aus Kostengründen auf wichtige Therapien verzichten«, beruhigt Goebel die betroffenen Patienten und die Selbsthilfeorganisationen, die um die sachgerechte medizinische Versorgung fürchten. Kein Wunder - schlägt doch die Kombinationstherapie mit 200 DM pro Tag zu Buche, und eine neue' Behandlung zur Prophylaxe der CMV-Retinitis sogar mit 15 000 DM!
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