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Vorläufig Ruhe in Myongdong

Arbeiterstreiks signalisierten politischen Wandel Südkorea Von Prof. Dr. Ingeborg Göthel

  • Lesedauer: 4 Min.

In einer Sondersitzung will sich Südkoreas Parlament ab heute u. a. mit dem Arbeitsgesetz beschäftigen, dessen Verabschiedung wochenlang Massenstreiks und Proteste hervorgerufen hatte.

Eine der größten Kundgebungen gegen das neue Arbeitsrecht in Söul

Foto: Reuter

Die Streiks Hunderttausender Arbeiter sind vorerst vorbei. Die Tränengasschwaden über Myongdong haben sich verzogen. Jugendliche aus der reichen Mittelklasse, gekleidet nach dem letzten Modeschrei, stolzieren trotz Minusgraden wie eh und je durch die von Luxusgeschäften eingerahmten Geschäftsstraßen. Myongdong gehört zu jenen Bezirken der Hauptstadt Söul, wo die Abkömmlinge der Besitzenden ihren Reichtum zur Schau stellen, was den Unwillen anderer sozialer Schichten reizt.

Auch in der Industriestadt Ulsan ist wieder Alltag eingekehrt. Ulsan müßte eigentlich »Hyundai-Stadt« heißen, denn hier liegen die //j/KHofai-Motorenwerke, das riesige Automobilwerk und die gleichnamige, weltgrößte Werft. Dem Chaebol (Großkonzern) Hyundai (koreanisch »modern«) gehören die Wohnungen der Werksangehörigen, Krankenhäuser, Einkaufstempel, Kindergärten, Fachschulen und die Universität, an der auch Arbeiterkinder aus der »Hyundai-Stadt« studieren.

Hyundai-Arbeiter hatten wie die Beschäftigten der anderen Chaebol stets bessere soziale Bedingungen als die Angestellten der rückständigen Klein- und Kleinstindustrie. Das hinderte sie nicht, für deren Verbesserung zu kämpfen. Schon 1987 spielten die Arbeiter der Großkonzerne bei der Durchsetzung von Lohnforderungen und demokratischen Rechten durch Massenstreiks eine bedeutende Rolle. Spätestens seit den 87er Streiks ist Südkorea kein Billiglohnland mehr Nur sind die erstrittenen Lohnerhöhungen durch krasse Preissteigerungen längst in Gefahr

Seit Ende der 80er Jahre wird in Südkorea - einem Industrieland angemessen - über unabdingbare Veränderungen in der Wirtschaft, über Strukturanpassung und die Notwendigkeit einer bedeutenden Ausweitung der eigenständigen Forschung und Entwicklung diskutiert. Die USA und Japan sehen Südkorea längst als Konkurrenten und sind nicht mehr im gleichen Umfang wie früher zur Übergabe neuester Technologien bereit. Ungezählte Konferenzen beschäftigen sich

mit diesem Thema. Kritische Wissenschaftler bemerkten, daß das Land nur durch Hochtechnologie, Bürokratieabbau und Unterbindung der Korruption aus seiner Krise herauszuführen ist. Präsident Kim Young-sam versprach bei seinem Amtsantritt 1993 denn auch, sich diesen Erfordernissen der »Globalisierung« zu stellen. Trotz anhaltender Produktionszuwächse von 7 Prozent mußte das Exportland jedoch einen auffälligen Rückgang der Ausfuhren hinnehmen, denn die Wirtschaft übersah die veränderten Konkurrenzbedingungen auf dem Weltmarkt. Dazu verdoppelte sich seit 1992 die Auslandsverschuldung auf mehr als 100 Mrd. US-Dollar

Südkoreas Arbeiter haben entgegen anderen Behauptungen die Dringlichkeit einschneidender Veränderungen in der Wirtschaft erkannt. Aber sie meinen mit Recht, daß ohne ihre außerordentlichen Leistungen und Entbehrungen das »Wirtschaftswunder am Hankang« nicht möglich gewesen wäre. Angesichts des sichtbar gewachsenen Reichtums »derer da oben« sehen sie nicht ein, warum die wirtschaftlichen Probleme einzig auf ihre Kosten gelöst werden sollen. Deshalb wehren sie sich gegen das Arbeitsgesetz, das ihre sozialen und demokratischen Rechte ernsthaft gefährdet. Sie haben diese Rechte schließlich nicht von ihren Vätern geerbt, sondern selbst erkämpft, weshalb sie nun dafür einstehen. Zwar fanden die Streiks der letzten Wochen,

anders als ähnliche Aktionen in den 80er Jahren, nicht die Unterstützung der Studentenbewegung, die es in der einstigen Breite nicht mehr gibt. Von Anfang an aber verurteilten bekannte Persönlichkeiten, darunter Hunderte der in Südkorea einflußreichen Professoren, die Art und Weise, wie das Gesetz durch das Parlament gepeitscht wurde. Darin sehen viele eine große Gefahr für die junge Demokratie in Südkorea. Vor einer Woche erst versammelten sich auf der mitten in Söul gelegenen Insel Yoido über 50 000 Menschen und forderten die Rücknahme des Arbeitsgesetzes.

Südkoreas Gewerkschaftsbewegung, deren Wurzeln bis in die 20er Jahre zurückreichen, war stets von Auseinandersetzungen zwischen zwei Hauptrichtungen geprägt. Während die vom Staat gegründete Gewerkschaft sich nur einfachster Betriebsprobleme annehmen durfte, wurde die von Arbeitern selbst gegründete Organisation immer wieder unterdrückt; ihre Führer wurden zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt. Es kennzeichnet einen politischen Wandel in der Gesellschaft, daß es der faktisch

nicht legal arbeitenden Koreanischen Konföderation der Gewerkschaften (KCTU) gelang, sich zu einer Organisation mit 300 000 Mitgliedern zu entwickeln und gegenüber der staatlich geförderten Föderation Koreanischer Gewerkschaften (FKTU -1,2 Mio Mitglieder) zu behaupten. Geradezu eine Sensation war es, daß sich die FKTU den jüngsten Streiks der KCTU anschloß. Es gehe nicht an, erklärte die KCTU-Führung, »das Blut und die Tränen der Arbeiter verbesserten Geschäftsinteressen zu opfern«. Übrigens vor genau 100 Jahren - 1897 - koreanische Arbeiter erstmals gestreikt. Spontan und noch unorganisiert kämpften sie damals in verschiedenen Provinzen gegen japanische Kapitalisten, US-amerikanische und deutsche Bergwerksbesitzer

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