Werbung

Dieser Text ist Teil des nd-Archivs seit 1946.

Um die Inhalte, die in den Jahrgängen bis 2001 als gedrucktes Papier vorliegen, in eine digitalisierte Fassung zu übertragen, wurde eine automatische Text- und Layouterkennung eingesetzt. Je älter das Original, umso höher die Wahrscheinlichkeit, dass der automatische Erkennvorgang bei einzelnen Wörtern oder Absätzen auf Probleme stößt.

Es kann also vereinzelt vorkommen, dass Texte fehlerhaft sind.

  • Politik
  • Roman Cykowski war der letzte lebende Sänger der legendären Comedian Harmonists

Die Mittelstimme

  • Günter Görtz
  • Lesedauer: 2 Min.

Als zum Ende einer ganz normalen Vorführung des Films »Comedian Harmonists« in den Abspanngesang dieses einmaligen Gesangssextetts die Besucher Beifall klatschten, war das sicher mehr als Anerkennung für einen gut gemachten Film. Er galt wohl auch den Originalkünstlern, die bis zu ihrem Verbot durch die Nazis 1935 mit ihrem Gesang in deutschen Landen für Furore sorgten.

Diese einmalige Mischung von hochprofessionellem Satzgesang, in dem sich auf eigenartige Weise deutsche Chortradition mit dem über den großen Teich herübergeschwappten Swing sowie hintergründigem Humor mischten, verfehlte,

nach einigen Anlaufschwierigkeiten, seine Wirkung auf das Publikum nicht: »Mein kleiner grüner Kaktus«, »Veronika, der Lenz ist da«, »Ich hab für dich 'nen Blumentopf bestellt«, »Ein Freund, ein guter Freund« trällerten die Leute allerorten. Die Schellackplatten gingen weg wie warme Semmeln. Wo diese multikulturelle Truppe auch auftrat, die Säle waren voll: Asparuch Leschnikoff war Bulgare, Roman J. Cycowski kam aus Polen, die Wurzeln Harry Frommermanns gründeten in der Ukraine, Robert Biberti war der Sproß einer französischen Künstlerfamilie. Doch da drei der Mitglieder auch noch jüdischer Herkunft waren, verbot die Reichsmusikkammer, Zensurinstitution des Nazistaates, dem Ensemble weitere Auftritte. Die jüdischen Mitglieder der Truppe, Roman Cycowski, Abraham-Collin und Harry Frommermann, flohen

nach Wien, um von dort aus bis 1940 als »Comedy Harmonists« durch die Welt zu reisen. Biberti, Leschnikoff und Erwin Bootz versuchten mit neuen Partnern als Meistersextett an alten Erfolgen anzuknüpfen. Aber der Glanz war dahin. Nicht nur wegen der jüdischen Mitglieder

der »Comedian Harmonists« gab es Schwierigkeiten mit der Reichsmusikkammer Die ganze Richtung paßte den Nazis nicht, denn dieser witzige, von komödiantischer Leichtigkeit getragene Vortragsstil ließ sich nur schwer für ihre militanten Ziele mißbrauchen.

Roman Cycowski verschlug es nach Los Angeles. Dort versuchte er sich als Nachtclub-Betrciber, allerdings mit wenig Fortune. Er ging pleite. Später erwarb er sich als Kantor einer orthodoxen Synagoge in San Francisco großes Ansehen. Er galt bei den »Comedian Harmonists«, die alle recht ausgeprägte Persönlichkeiten waren, als ruhender, auf Ausgleich bedachter Pol. Das entsprach auch seiner Funktion im »Chor«. Hatte er als Bariton doch für die Vermittlung zwischen den hohen und den tiefen Stimmen zu sorgen.

Als einzigem war es ihm vergönnt, das Comeback der »Comedian Harmonists« im letzten Jahr zu erleben. Der Film wurde ein Riesenerfolg, die alten Schellackplatten, jetzt mit neuester Technik auf CD-Glanz poliert, sind noch immer Verkaufsschlager

Am Montag verstarb Roman Cycowski 97jährig in seinem Haus in Palm Springs.

Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.

Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.

Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.

Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!

Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:


→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.

Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.