Kein Patentrezept gegen Flaute
IWF legt Weltwirtschaftsprognose vor - Eurokrise ist demnach die größte Gefahr
Die Ratschläge des Internationalen Währungsfonds (IWF) im Kampf gegen eine weitere weltweit drohende Wirtschaftsflaute klingen derzeit ein wenig wie Bauernregeln. »Das ist ein Marathon, kein Sprint«, antwortet der IWF-Chefökonom Olivier Blanchard am Dienstag vor Reportern in der japanischen Hauptstadt Tokio auf die Frage, welche Lehren etwa die Eurostaaten aus den letzten Jahren ziehen sollten. »Nicht zu langsam, nicht zu schnell«, dürfe man bei der Haushaltssanierung vorgehen. Vor allem müsse aber dieses »allgemeine Gefühl der Unsicherheit über die Zukunft« gemildert werden.
Die vage Ausdrucksweise macht klar: Ein Patentrezept gegen das andauernde Ungemach in der Weltwirtschaft kann oder will der Währungsfonds derzeit nicht ausgeben. Zu oft hat die Mode in den vergangenen Jahren gewechselt: Erst waren Konjunkturprogramme auf Pump gefragt. Dann waren die Sanierung der Haushalte und die Stabilisierung des Bankwesens das oberste Gebot. Nun ist es die lockere Geldpolitik der Notenbanken. Ein »komplexes Puzzle« nennt das Blanchard: Wenn die Teile an den richtigen Platz fielen, könne man »berechtigt darauf hoffen, dass das Schlimmste hinter uns liegen könnte«.
Der aktuelle Hang zum Konjunktiv nicht nur beim IWF ist kein Zufall: Zu viele Unwägbarkeiten bestimmen derzeit die globale Wirtschaftslage. »Obwohl die Abwärtsrisiken derzeit größer erscheinen als noch vor ein paar Monaten, wirken die Aufwärtsrisiken ebenfalls größer«, heißt es in dem am Dienstag veröffentlichten Weltwirtschaftsausblick. Alles scheint möglich, heißt das übersetzt. Dass sich die Situation verschlimmern könnte - oder eben auch verbessern. Alles hänge davon ab, was in den kommenden Monaten in den Parlamenten und Regierungen rund um den Globus wirtschaftspolitisch passiere.
Das Ausbleiben einer Musterlösung hat einen ziemlich simplen Grund: Jede Region der Welt steht laut dem Währungsfonds derzeit vor anderen Herausforderungen: Während die europäischen Staaten die Schuldenkrise in den Griff bekommen müssten ohne die Nachfrage abzuwürgen, sollten die Vereinigten Staaten endlich einen mittelfristigen Plan für ihre Haushalts- und Steuerpolitik vorlegen. Während die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt, Japan, mit einem exportschädigenden hohen Wechselkurs und einer Deflation zu kämpfen hat, solle die Nummer zwei, China, eine Überhitzung des Immobilienmarktes bändigen, so der IWF. Die einst boomenden Schwellenländer Indien und Brasilien wiederum müssen demnach ihre rasante Talfahrt baldmöglichst stoppen.
Das alles ist ein Zeichen dafür, wie stark die Welt ökonomisch verflochten ist. Stellschrauben, an denen in der Europäischen Union gedreht wird, verändern die Rahmendaten in China. Eine Präsidentenwahl in den USA beeinflusst die Wirtschaftsprognose für Deutschland.
So hat der IWF dann doch noch einen Ratschlag für die Eurozone parat, der für alle gelten könnte: Sie sollen ein »System« schaffen, welches starke wirtschaftliche Schocks abfedert, sobald sie sich ereignen. Wenn dadurch die große Unsicherheit verringert werde, »dann könnten die Dinge besser aussehen als in unserer Prognose, nicht nur in Europa, sondern auch im Rest der Welt«, meint Blanchard.
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