Skandal im Stadtarchiv
Die Stadt Stralsund will den Verkauf einer wertvollen historischen Bibliothek rückgängig machen
Stralsund. Die Hansestadt Stralsund will den umstrittenen Verkauf einer historischen Bibliothek aus ihrem Stadtarchiv an einen privaten Antiquar rückgängig machen. Bei den rund 6000 verkauften historischen Büchern aus der Stralsunder Gymnasialbibliothek handele es sich um ein »bedeutendes Bibliotheksgut«, sagte Oberbürgermeister Alexander Badrow unter Berufung auf ein externes Gutachten. Nach Einschätzung des Schweriner Kultusministeriums war der Verkauf ein Verstoß gegen die Archivsatzung.
Der OB warf dem Stadtarchiv »eine eklatante Fehleinschätzung« bei der Bewertung des Bestandes vor. Die Leiterin des Stadtarchivs, Regina Nehmzow, wurde vom Dienst suspendiert. Die Bücher stammen zum Teil aus dem 16. Jahrhundert. Die Stadt hatte im Sommer 2012 die Bücher aus dem Archivbestand für 95 000 Euro an einen privaten Antiquar verkauft. Bei diesem Schritt hatte man sich auf die Einschätzung des Archivs verlassen und keine weitere Meinung eingeholt. Nachdem der Verkauf heftig kritisiert worden war, bewerteten die Germanisten Nigel F. Palmer von der Universität Oxford und Jürgen Wolf aus Marburg im Auftrag der Stadt den Bestand. Die Bibliothek habe in ihrer Gesamtheit für die Kulturgeschichte der Stadt und der Region eine besondere Bedeutung sowie für Forschung und Wissenschaft einen großen Wert, sagte Palmer. Der materielle Gesamtwert müsse sicher »im hohen sechs- oder sogar siebenstelligen Bereich« angesetzt werden. »Weit höher als der materielle Wert ist der ideelle Wert.« Im Internet wurde unter anderem die »Mechanica« des Leonhard Euler (St. Petersburg, 1736) für 7800 Euro angeboten.
Wie Badrow sagte, hat der Antiquar inzwischen Bereitschaft signalisiert, den Verkauf rückgängig zu machen und sogar dabei zu helfen, bereits an Dritte verkaufte Bücher wieder zurückzukaufen. Möglicherweise muss die Stadt aber dabei draufzahlen.
Nach den Protesten im In- und Ausland kämpft die Welterbestadt um ihr Image. Der Verkauf sei ein Desaster und stehe im Widerspruch zu dem, wie Stralsund mit seinem Erbe umgehe, sagte Badrow. Er wies Spekulationen zurück, dass mit dem Geld Haushaltslöcher gestopft werden sollten. Der Vorschlag zum Verkauf sei aus dem Stadtarchiv gekommen, unter anderem dem Verweis auf beengten Platzverhältnisse in den Archivräumen.
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