Bulgarien: Wahlsieger plädiert für Neuwahlen
Borissow will Ergebnis wegen »schwerer Regelverstöße« annullieren lassen / Präsident drängt auf Regierungsbildung
Sofia (AFP/nd). Der bulgarische Ex-Regierungschef Bojko Borissow hat eine Annullierung des Ergebnisses der Parlamentswahl vom vergangenen Wochenende und Neuwahlen gefordert. Borissow begründete seinen Vorstoß am Donnerstag mit »schweren Regelverstößen« am Tag vor dem Urnengang. Seine Partei Bürger für eine Europäische Entwicklung Bulgariens (GERB) war als stärkste Kraft aus der Wahl hervorgegangen, hatte eine Mehrheit im Parlament jedoch verpasst.
»Erstmals in der Geschichte fordert eine Partei, die die Wahl gewonnen hat, deren Annullierung durch das Verfassungsgericht«, sagte Borissow bei seinem ersten öffentlichen Auftritt seit dem Wahltag. Neuwahlen seien »die beste Lösung« für das Land.
Einen Tag vor dem Urnengang hatte die Staatsanwaltschaft von Sofia in einer privaten Druckerei 350.000 überzählige Stimmzettel beschlagnahmt. Die Opposition hatte der GERB daraufhin indirekt Wahlbetrug unterstellt, da die Druckerei einem Politiker der Partei gehört. Borissow warf der Opposition deshalb nun illegalen Wahlkampf nach Abschluss der Wahlkampagne vor.
Wahlbeobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) hatten zwar Stimmenkauf und Wählermanipulation während des Wahlkampfes kritisiert, das Ergebnis des Urnengangs jedoch für »legitim« erklärt.
Staatspräsident Rossen Plewneljew forderte unterdessen erneut eine rasche Regierungsbildung. Am Vortag hatte er Neuwahlen kategorisch ausgeschlossen, da sie zu einer Destabilisierung des Staates führen und Investoren abschrecken würden.
Laut Wahlgesetz kann eine Annullierung des Wahlergebnisses vom Staatschef, der Regierung, dem Obersten Gerichtshof, den Generalstaatsanwalt oder mindestens 48 Abgeordneten beantragt werden. Die GERB müsste daher auf die Konstituierung des Parlaments warten, um den Antrag stellen zu können.
Sollte das Wahlergebnis nicht annulliert werden, will Borissow nach eigenen Worten eine Minderheitsregierung bilden. Die GERB war bei der Wahl auf 97 Abgeordnete im 240 Sitze zählenden Parlament gekommen. Zweitstärkste Kraft wurden die Sozialisten mit 84 Sitzen. Sie hatten die Bildung einer Expertenregierung unter Führung des Parteilosen Plamen Orecharski vorgeschlagen.
Die Partei der türkischen Minderheit MRF war bei der Wahl auf 36 Sitze gekommen, die ultra-nationalistische Ataka-Partei auf 23.
Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.
Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.
Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.
Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!
Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:
→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.
Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.