Die Rückkehr des Erwins

Montags ist ein guter Tag für den Postboten. Da samstags alle Büros geschlossen sind und sowieso kein Mensch mehr Tinte-auf-Papier-Briefe (»P-Mails«) schreibt, hat er in der Regel nur ein paar Werbeflyer und den »kicker« in der Hand, wenn er sich den Briefkästen von Fußballinteressierten nähert. Diese Woche war das anders: Der druckfrische »Erwin« wartete auf den geneigten Leser.
Der »Erwin«, benannt nach Erwin Kostedde, war das Fanzine der Offenbacher Kickers. Fanzine ist ein von Fans erstelltes Mitteilungsblatt. Kickers Offenbach ein Traditionsverein, der in der vierten Liga kickt. Und Kostedde war ein ziemlich begabter Stürmer desselben. Zwischen 1971 und 1975 schoss der Mann in 129 Spielen für die Hessen 80 Tore, ehe er ein paar Jahre später genauso absackte wie sein ehemaliger Verein. Man behaupte also nicht, dass der Titel schlecht gewählt wäre.

Der »Erwin« wiederum erblickte 1994 das Licht der Welt. In den Neunzigern war es gang und gäbe, dass man beim Besuch eines Bundesligaspiels von freundlich lächelnden Frauen und Männern mit längeren Haaren dazu angehalten wurde, die soeben im Kartoffeldruck entstandenen Zines wie »Schalke Unser«, »Vfoul«, »Fan geht vor« oder »Millerntor Roar« zu kaufen. Und selten hat man das bereut, weil die Texte doch deutlich ironischer, kritischer und pointierter waren, als das, was die etablierte Konkurrenz von der Tagespresse bot.

2007 ging der Erwin allerdings den Weg alles Irdischen. Da die Macherinnen und Macher mit fortschreitendem Alter nicht weniger beschäftigt waren, der journalistische Nachwuchs auch nicht Schlange stand und so manches, das geschrieben werden musste, eben in den 13 Jahren zuvor auch schon geschrieben worden war, entschlummerte der »Erwin« sanft.

Nun ist er wieder da, und wer es schade findet, dass ein Verein, der mehrfach in der Bundesliga spielte und 1970 Pokalsieger wurde, heute so weit abgerutscht ist, dass er gegen den Nachwuchs von 1899 Hoffenheim kicken muss, findet in ihm Trost und Freude. Schön ist es, dass es Menschen gibt, denen bei der Auswärtsfahrt auffällt, dass der Ort Montabaur nicht nach Stadt klingt, »sondern wie eine neue Independent-Musikrichtung«. Schön, dass OFC-Trainer Rico Schmitt, der olle Chemnitzer, neun Seiten Platz für ein Interview bekommt, das von der ersten bis zur letzten Zeile lesenswert ist.

Gut möglich, dass die Kickers bald schon froh sein müssen, dass sie überhaupt in der vierten Liga kicken dürfen. Der Insolvenzverwalter findet derzeit hinter jedem Spinnennetz auf der Geschäftsstelle neue Schulden, die Kickers sind also eine Art Saarland des Fußballsports. Aber so lange die Fans sich ihren eigenen Reim auf ihren Verein machen, lässt sich wohl auch das verschmerzen. Am Montag Abend waren übrigens mehr als 6000 Zuschauer auf dem Bieberer Berg, als die Kickers gegen Hessen Kassel spielten. Dem »Erwin« sei Dank.

Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.

Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.

Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.

Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!

Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:


→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.

Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.

Mehr aus: Sonntagsschuss