Eingeknickt
Jörg Meyer über die entscheidende Runde der schwarz-roten Sondierungsgespräche und die Wahlversprechen der SPD
Die Koalitionsgespräche können beginnen. Die Union lässt sich auf einen Mindestlohn ein, mit Ausnahmen bei Azubis, im Osten und einzelnen Branchen, dafür verzichtet die SPD auf Steuererhöhungen. Das ist zwar alles noch nicht amtlich, aber so zitierte die Deutsche Presse-Agentur nach der letzten Sondierung am Donnerstag CSU-Chef Horst Seehofer.
Die Sozialdemokraten haben sich noch nicht offiziell zu den Gesprächen geäußert. Nun muss am Wochenende noch die einer Großen Koalition durchaus kritisch gegenüberstehende SPD-Basis zustimmen. Das wiederum gilt als wahrscheinlicher, weil nach den Vorgesprächen auch NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft der Aufnahme von Koalitionsgesprächen zustimmte.
Schon diese Faktenlage lässt Schlimmes ahnen. Wo ist der Witz beim gesetzlichen Mindestlohn, wenn es derart weitreichende Ausnahmen gibt? Ist das wirklich ein Zugeständnis der Union oder doch ein Einknicken der SPD, die stets betont hat, ohne gesetzlichen flächendeckenden Mindestlohn kann es keine Koalition geben? Wenn sie auf Steuererhöhungen verzichtet, verzichtet sie auf der anderen Seite auf ein zentrales Thema ihres Wahlprogramms und auf ein wichtiges Gestaltungselement für die nächsten vier Jahre.
Eine weitere Legislaturperiode politischer Stillstand ist programmiert – mit einer Sozialdemokratie, die nach der Bundestagswahl 2017 bei unter 20 Prozent steht und dann unter einer schwarz-grünen Koalition mit der Linkspartei um die Meinungsführerschaft in der Opposition streitet. Hoffentlich weiß es die SPD-Basis am Wochenende besser.
Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.
Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.
Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.
Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!
Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:
→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.
Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.