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  • Politik
  • Zum Tode von Napoleon Seyfarth

Im Dienst gegen das Schweigen

  • Michael Sollorz
  • Lesedauer: 2 Min.

Seinen Sarg hat er schon vor Jahren gekauft. Er stand in seiner Schöneberger Wohnung und diente als Sektkühler, wenn Napoleon seine Feste gab, Feste der Liebe, Feste fürs Leben; wer je dabei gewesen ist, wird sie nicht vergessen.

Das pfälzische Oggersheim, wo er aufgewachsen war, wurde ihm später zur Zielscheibe bittersten Spotts, zum Hort verklemmten Miefs und bigotten Umgangs mit den beiden großen Angelegenheiten, über die wir alle uns am liebsten belügen: den Sex und das Sterben. 1981 rettete er sich auf die Insel Westberlin, brodelndes Eldorado alternativer und schwuler Kulturen, doch bald kein Paradies mehr; das Zeitalter Aids begann. Auf sein eigenes positives Testergebnis reagierte er 1991 mit einem Buch, »Schweine müssen nackt sein«. Dieser autobiografische Bericht, wütend, frech, sinnlich und unverschämt, wurde ein Bestseller. Ich traf in den Jahren seither viele Leute, denen es ebenso ging: Das Buch weitet das Atmen, verändert den Blick auf eigene Verzagtheiten, weckt Lust aufs Mögliche; es hat die Kraft, uns zu ver ändern. Der Autor wurde zum Star. Ein kleiner Mann, rotes Halstuch und Leder jacke, zumeist ein Stoffschwein im Arm; ein Original, dessen folkloristische Drolligkeit keinen zweiten Augenblick darüber hinwegtäuschte, dass es einen Feldzug führte. Bei Hunderten von Lesungen, Performances und Fernsehauftritten profilierte sich Napoleon Seyfarth als Provokateur, als unbequemer Anreger. So anstrengend zu sein, auch im Privaten, er fordert Mut und Kraft. Napoleon war ständig im Dienst gegen das Schweigen und gegen die Angst - vor selbstbestimmtem Leben.

Letzten Frühling präsentierte er Freunden und Medien seine Grabstelle auf einem Berliner Friedhof. Jeder Schritt suchte Öffentlichkeit, Thematisierung, nichts blieb dem Zufall überlassen. In der jüngsten Ausgabe einer bundesweiten Schwulenzeitung erklärte er seinen Abschied für den Monat Dezember und begrüßte seinen Tod: »Sei willkommen, mein Freund. Lass es uns würdig hinter uns bringen.«

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