Mit Lügentee nach Übersee
In Radebeul betreibt der Objektkünstler Reinhard Zabka das schönste Nichts-Museum der Welt - doch die Stadt will das Haus lieber verkaufen
Wer hier eintritt, hat sofort ein Leuchten in den Augen. Pling! Als würde ein Schalter umgelegt. Der Kopf dreht nach rechts und links, der Mund rundet sich, ein »Oh« steigt aus der Kehle. Schon eilt der Hausherr herbei, ein freundlicher Mann mit Zopf und Nickelbrille, begrüßt die Gäste und schenkt Tee ein: Spezial-Lügentee, gebraut nach einem uralten Rezept von Hildegard von Bingen. Mit der Tasse in der Hand bleibt man vorm Orakel-Glücksrad stehen, das Antwort auf jede, wirklich jede Frage verspricht. »Guck mal, da!« »Verrückt, ne?« Und dann: »Dass es so was gibt hier, das hätt’ch nich gedacht!«
Das »Hier« liegt an der Landstraße zwischen Dresden-Neustadt und Radebeul, das »So was« meint Deutschlands erstes und einziges Lügenmuseum, das im Gasthof Serkowitz residiert. Schöpfer und Betreiber ist der Objektkünstler Reinhard Zabka alias Richard von Gigantikow, ihm zur Seite steht Museumswärterin Sixtina von Güterfelde, die die Besucher geduldig durchs Haus führt.
Lügenmuseum? Der Name ist Programm, weil listige Täuschung. Ein Gesamtkunstwerk schmiegt sich in den alten Gasthof, über dessen Eingang groß die Jahreszahl 1337 prangt. Drin klimpern seltsame Maschinen, Fächer wedeln, erleuchtete Schreine locken hinter Glasfenstern, Collagen, Objekte wie Fontanes Wanderschuh - ziemlich abgelatscht - oder Installationen wie die Kathedrale des Sozialismus, wo Pionierlieder tönen, Abzeichen klirren und ein dornenbekränzter Thälmann gleichmütig in die nun nicht mehr leuchtende Zukunft blickt.
Man schlendert und staunt und sieht sich nicht satt. Ein Raum liegt im Halbdunkel, Spiegel umstellen Glasgefäße, die weiß und grün und rot leuchten, wie das Innere eines riesigen Röhrenradios. Glöckchen bimmeln, ein Schlagzeugbecken rasselt. Hier winkt ein Fächer, dort klappt ein Koffer auf - etwas strahlt geheimnisvoll - , der Deckel fällt, klapp, wieder zu. Über all dem schaukelt der blaue Planet. Hm. Eine Großstadt? In Übersee! New York? Tokio?
Bestimmt! Denn davor liegt gestrandet die Titanic, ein hölzernes Boot, aufgetakelt mit Lampenketten und Rädern unten dran. Ein Rundfunkempfänger verspricht Originalgeräusche von ihrem Untergang, 20 Minuten danach. Doch von hinten betrachtet blubbern Blasen im Wasserglas. Enttäuscht? Ent-Täuschung, wenn Illusionen platzen, kein Verlust hier, nein, ein Spiel, das auf warmherzigem Witz gründet.
Abgenutzte und ausrangierte Alltagsgegenstände, verbunden mitein- ander, beleuchtet, bewegt, manchmal klappernd, quietschend oder pfeifend. Milchkannen aus Blech, Orgelpfeifen. Lampenschirme. Fensterrahmen. Spinnräder, Mausefallen, Wecker, Federn, Flaschen, Muschelkästchen. Etwas legt sich auf die Geschichten, die die Ausgangsmaterialien an sich tragen, und die noch leise mitschwingen. Etwas, das vielschichtig ist wie eine Hochzeitstorte, und der Betrachter treibt in eine Kinderzeit, in der die Welt voller Geheimnisse steckte, und in der man wusste, dass sie allesamt zu lösen waren.
Der Rundgang wird zur Expedition, auf der seltene Geschöpfe zu entdecken sind wie der orangefarbene Rennwurm, der aus der blechernen Wärmflasche lugt, einem Gefährt auf Schienen. Ein halbes Tee-Ei schützt seinen Kopf, die Druckknopf-Augen blitzen verwegen. Vor seiner Nase wippt eine Gänsefeder auf und ab, hängt an einer Angel, die ein rotierendes Spinnrad bewegt, darüber der Strohhut eines Sommerfrischlers. Was ist das? Eine Parabel auf die Hektik der Neuzeit? Eine Reise durch eine Milchstraße von Ideen? Oder was will uns der Künstler damit sagen?
Keine Museumspädagogik bitte! Jeder möge erkennen, was er erkennen kann. Nicht weniger. Nicht mehr. In jedem Ding steckt eine Geschichte, in der eine Geschichte steckt, in der eine Geschichte steckt. Ein Labyrinth, das immer neue Überraschungen bereithält.
Und in dem sich auch ein echter Forscher verlaufen kann. Wo bin ich? Egal! Im Vorbeigehen lockt ein Holzspind, die Tür knarrt beim Öffnen, eine Schnulze plärrt los. Im goldenen Schrankinneren grinst Elvis, gemalt wie ein mexikanisches Heiligenbild, darüber schweben zarte Wölkchen aus Erdnuss-Flips. Love me tender oder was? Etwas streift mein Bein, die Museumswärterin Sixtina von Güterfelde, elegant im schwarz-roten Pelz, sagt deutlich »Miau«. Dankbar folge ich ihr, hinter den Collagen entdecke ich eine Tür und finde den Raum, in dem Gebetsmühlen klappern, Buddhastatuen, Schreine und Papierschirmchen locken.
Der Hausherr hat zu tun: Gäste wollen begrüßt und Fragen beantwortet werden wie »Wie kommen Sie nur auf diese Ideen?« Oder »Wo ist das alles her?« Zabka erzählt von der Gründung des Museums im Jahre 1884 durch Emma von Hohenbüssow, verweist auf das Porträt der Ahnherrin im Vorraum. Die Zuhörer nicken, drehen sich, grinsen in sich hinein. Ein Verzaubermuseum. Das Staunen kann man hier lernen.
Wer staunt, lässt sich überwältigen. Wer staunt, vergisst sich selbst und alles um sich herum. Das kann nicht jeder. Oder will es nicht. Und überhaupt: Die Kunst ist eine ernste Sache, hierzulande. Wer wie Zabka mit Täuschungen spielt, sich jeder Eindeutigkeit entzieht und gleichzeitig allen zugänglich bleiben will, so einer ist der Hochkultur suspekt.
Der sächsischen Kulturstiftung zum Beispiel, die in gesetzlichem Auftrag Städte, Landtag und Staatsregierung bei kulturellen Entscheidungen berät. Eine »skurril anmutende Ansammlung von Flohmarkt-Exponaten« sei das Lügenmuseum, schrieb im April 2012 ihr Direktor an den Bürgermeister von Radebeul, ohne je da gewesen zu sein, wie Zabka versichert. Warnte gar, es könne »Radebeul als Premium-Marke schaden«, wenn vor den Toren der sächsischen Barockstadt »eine schlechte Parodie auf die Kulturstadt Dresden entsteht«.
Dieses Gutachten hat die Stadt veranlasst, den Gasthof zum Verkauf auszuschreiben. Seitdem hängt Zabka das überdimensionale Werbeschild einer Immobilienfirma vor der Nase. Auch prominente Fürsprecher haben daran nichts ändern können, Künstlerkollegen wie der Bildhauer Johannes Heisig, Professor aus Leipzig. In einem Brief an Klaus Staeck, Präsident der Akademie der Künste, schwärmt Heisig vom Lügenmuseum als »einer Art Serail, in dem eine in unseren Breiten sehr seltene Form von Märchen erzählt wird«. Er fährt fort: »Die Vorstellung, dass das alles (...) in irgendwelche Keller und Scheunen verbracht und damit zerstört wird, ist mir ziemlich unerträglich«.
Nicht nur ihm. »Eine Schande ist das! Wer bestimmt eigentlich, was Kunst ist?«, fragt eine Besucherin empört. Man dürfe nicht alles am Geld festmachen, sagt sie. »Die Stadt muss zuerst fragen: Wie kann man einen Künstler wie Zabka halten? Dann findet sich auch ein Weg!« Ihren Namen will sie nicht nennen. Man kennt sich in Radebeul.
Das Lügenmuseum obdachlos? Nach 24, äh, 130 erfolgreichen Jahren? Denn Radebeul ist schon Exil. 2010 musste das Lügenmuseum nach langem Rechtsstreit seinen Stammsitz Gantikow in Brandenburg räumen - Zabka war dort einem Schwindler auf den Leim gegangen. Und Radebeul schien ihn mit offenen Armen zu empfangen. Die Stadt kannte er und sie kannte ihn, vom jährlichen Weinfest, an dem er seit Jahren mit einer Feuerperformance teilnimmt. Guten Mutes ließ er sich in Serkowitz nieder und betreibt das Museum seit September 2012. Eine Attraktion, die schon im ersten Jahr 5500 Besucher anzog und nach der sich andere, pfiffigere Gemeinden, alle Finger lecken würden.
Zabka präsentierte seine kinetischen Objekte und Installationen bereits auf Festivals, internationalen Kunstsymposien und Stadtfesten, in Bangkok war er, in Bali, zur Biennale in Venedig. Der Autodidakt, der seine Wurzeln in der DDR-Untergrundkunst hat, erklärte 1990 sein Atelier zum Museum und öffnete es. In der DDR galt der gebürtige Erfurter vielen als Geheimtipp, obwohl er so geheim nicht war: 35 000 besuchten 1985 die Ausstellung von Zabka und Albrecht Hillemann »Götzen, Ismen, Fetische« im Berliner Dom. Täglich 1000 Besucher kamen 1990 zu seiner Schau in den Berliner Prater. Im Februar 2014 hat Zabka in Erfurt die Ausstellung zur Subkultur der Stadt in den 60er, 70er und 80er Jahren mit kuratiert und plant dort aktuell eine Feuerinstallation zum 25. Jahrestag des Mauerfalls. Und am 1. April, dem Welttag der Lüge, tanzten im Gasthof Serkowitz Gäste zum Weltlügenball, während draußen eine Projektion die Fassade zum Leuchten brachte.
Immerhin, das Verkaufsplakat ist weg seitdem. Ende des Sommers soll die Entscheidung fallen. Zabka ist optimistisch, doch die Situation zehrt an den Nerven. »Ich habe eine Bauruine belebt und sitze hier in einem Provisorium. Immobilienaufwerter zu sein, damit bin ich nicht zufrieden«, sagt er und massiert sich die Kopfhaut unterm Zopf. Gemeinsam mit einer Kreativagentur hat er ein 103 Seiten dickes Konzept erarbeitet und dem Stadtrat vorgestellt. Künstlerhaus und Ideenschmiede soll der alte Gasthof werden, finanziert per Bürgerstiftung und mit Kleinaktien, Gemeinschaftsprojekten, Kulturtourismus, Crowdfunding. Schon sind Kooperationen mit örtlichen Einrichtungen geschlossen wie der Galerie und dem Karl-May-Museum. Ein Ort des Staunens, der Verblüffung, könnte hier wachsen, weit strahlen und Gäste anlocken. Die Stadt muss nur wollen.
Will sie denn?
Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.
Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.
Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.
Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!
Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:
→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.
Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.