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Sieben Tage, sieben Nächte
Gabriele Oertel über die bevorstehende sogenannte Saure-Gurken-Zeit, über Hinterbänkler und über schweigsame Promis
Am gestrigen Freitag haben die Bundestagsabgeordneten sich in die Parlamentsferien verabschiedet. Bis zum 8. September billigt der Tagungskalender ihnen ganze neun Wochen zu, sich vom Stress hitziger Debatten zu erholen, im Wahlkreis doch mal wieder »Guten Tag« zu sagen oder den nächsten großen Coup vorzubereiten, um wahlweise den politischen Gegner oder einen innerparteilichen Konkurrenten endlich mal so richtig auflaufen zu lassen.
Jetzt also ist sie wieder da - die lustigste Zeit für uns Journalisten. Denn entgegen landläufiger Auffassungen und den wahrhaft Saure-Gurken-Zeiten zu Weihnachten und Ostern hat das vielzitierte Sommerloch seine ganz besonderen Reize. Nicht nur, weil dann in den diversen Medien viel mehr Platz für selbst recherchierte Beiträge ist. Auch weil alle Jahre wieder die putzigsten Beobachtungen in der eigentlich spärlich vorhandenen Bundespolitik gemacht werden können.
Da sind zum einen die Stallwachen in den Fraktionen, die in den vergangenen Sommern schon manch illusteren Beweis ihrer lückenhaften Kompetenz geliefert haben. Und da sind zum anderen die Hinterbänkler, von denen an gut 300 Tagen kaum eine Kamera oder ein Mikrofon Kenntnis nimmt, die aber in den Sommermonaten ihre Zeit für gekommen halten und die unsinnigsten Diskussionen anzetteln. Kampfhunde, Länderfusionen, Meldegesetz, Veggie Day - alles Themen, die im Juli und August die Nation schon gerockt haben. Während der offiziellen Nachrichtenarmut hatten sie allesamt das Potenzial für Artikel auf der ersten Zeitungsseite und Spitzenmeldungen bei »heute« oder »Tagesschau«.
Aber berechnend sind bei Weitem nicht nur die Öffentlichkeitsgeilen. Es gibt auch die in ganz gegenläufiger Richtung ausgefuchsten Zeitgenossen wie beispielsweise Verkehrsminister Alexander Dobrindt von der in Berlin nicht sonderlich erfolgreichen bayerischen Staatspartei CSU oder Dirk Niebel von der längst verblichenen FDP. Der eine hat ganz bewusst seine im Herbst 2013 großspurig angekündigten, aber dennoch immer noch nicht ausgereiften Maut-Pläne für Ausländer an den Lochbeginn gesetzt, der andere seine durchaus umstrittenen Karrierepläne bei Rheinmetall genau zu diesem Zeitpunkt öffentlich gemacht. Beide haben knallhart kalkuliert, dass in den Köpfen der ansonsten sicher hellauf empörten Abgeordneten ab diesem Wochenende nur noch bunte Urlaubspläne herumspuken - und sich deshalb das Echo auf Inkompetenz und Frechheit in Grenzen halten wird. Denn in der Regel hat das noch immer geklappt: Was im Sommerloch herumgeistert, verliert garantiert bis zur nächsten Bundestagswoche seinen Streitwert. Vielleicht sind ja gerade deshalb die Parlamentsferien so lang... oer
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