Leben im Wäscherei-Turm
In Göttingen entstand auf einem ehemaligen Industriegelände ein besonderes Wohnquartier
Auf dem hölzernen Wohnzimmertisch von Familie Reinshagen liegt ein 26 Jahre altes Farbfoto. Wulf Reinshagen hatte seine Kinder 1988 mit Freundinnen auf dem Schulweg fotografiert, im Hintergrund ist der Wasserturm der Großwäscherei Schneeweiß abgebildet. In der obersten Turm-Ebene sind zwei Wassertanks zu sehen, die für die Reinigung von Krankenhaus- und Gastronomietextilien benötigt wurden.
Zweieinhalb Jahrzehnte später bekommt das Foto eine besondere Bedeutung. Denn Wulf und Heide Reinshagen bewohnen seit Juli 2008 die oberste Etage des Aueturms in den Göttinger Leinewiesen. Ihre rund 90 Quadratmeter große Wohnung befindet sich genau an der Stelle wo früher die Wassertanks lagerten.
Die Eheleute Reinshagen sind nicht die einzigen, die ihr Domizil in einem ehemaligen Zweckbau gefunden haben. Vielerorts werden ehemalige Funktionstürme zu Wohnstätten umgebaut. So wird ein früherer Wasserturm in Berlin-Prenzlauer Berg bewohnt, im thüringischen Bad Langensalza werden sechs alte Wehrtürme als Ferienwohnungen genutzt. In Groß Neuendorf im brandenburgischen Landkreis Märkisch-Oderland wurde ein alter Verladeturm direkt an der Oder auf vier Ebenen zu einem geräumigen Feriendomizil umgestaltet.
»Ich erinnere mich noch gut an den 25. April 2003«, erzählt Heide Reinshagen. »Damals brannten mehrere Gebäude auf dem Steritex-Gelände, der Nachfolgefirma von Schneeweiß. Die Feuerwehr hatte große Mühe mit den Löscharbeiten, da wegen der Radsport-Niedersachsen-Rundfahrt mehrere Straßen gesperrt waren.« Es dauerte lange, bis der Schutt der zerstörten Wäschereigebäude weggeräumt wurde. Der Wäscherei-Turm blieb stehen, die Statik des Stahlbetonbaus hatte den Brand gut überstanden. So wurde bei einem Bauunternehmen das Interesse geweckt, aus dem frei stehenden Turm etwas Attraktives zu entwickeln, statt ihn abzureißen. »Ende 2006 erfuhren wir, dass in der Leineaue rund um den Wäschereiturm ein Neubaugebiet entstehen sollte«, berichtet Heide Reinshagen. »Wir erkundigten uns bei Bauträger Mönnig und meldeten unser Interesse an, die oberste Etage des Wasserturms zu bewohnen, falls dies möglich sei. Aber uns war klar: die oberste Etage oder keine!«
Ab Mai 2007 entstanden dann auf einer Fläche von rund 21 000 Quadratmetern im Neubaugebiet Leineaue rund 100 neue Wohneinheiten. Und inmitten des Areals stand storchenartig der knapp 22 Meter hohe, kellerlose Aueturm. Er bekam an der Südseite einen Anbau, in dem das Treppenhaus, der Aufzug und die Küche untergebracht wurden. Die postalische Anschrift »An der Bleichwiese« verweist weiterhin auf das Wäschereizentrum als Ursprung des neuen Wohnquartiers.
Gemeinsam mit Mönnig-Bau haben die Reinshagens viele individuelle Gestaltungswünsche umgesetzt. Ins Zentrum der über vier Meter hohen Wohnung wurde eine zweite Ebene eingezogen. Diese Empore dient als Arbeitsbereich. Ein Teil der Fläche darunter wird als Alkoven genutzt.
Der Aueturm erfüllt in Sachen Baubiologie und Energiebilanz neueste Standards. Geheizt wird mittels Fernwärme, aus erneuerbaren Energien: Pellets und Hackschnitzel, Grundwasserwärmepumpe, Photovoltaikanlage, Kraft-Wärme-Kopplung. In dem gegenüberliegenden Wirtschaftgebäude ist die zentrale Heizungsanlage für das gesamte Areal Leineaue untergebracht.
»Die Bewohner des Neubaugebietes kennen und grüßen sich«, sagt Heide Reinshagen. Auch Maike Strauß lobt die Hausgemeinschaft: »Die Nachbarn sind sehr hilfsbereit. Man bekommt Unterstützung, wenn das Auto mal nicht anspringt.« Die Reinshagens haben den Einzug nie bereut. »Wir haben eine tolle Aussicht in alle vier Himmelsrichtungen«, freut sich Wulf Reinshagen. »Jede Wetteränderung können wir bereits eine Stunde vorher kommen sehen.« Und seine Frau sagt: »Durch den herrlichen Rundblick habe ich täglich das Gefühl in einer Ferienwohnung zu leben.«
Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.
Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.
Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.
Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!
Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:
→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.
Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.