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Im Namen der S-Bahn
Bernd Kammer über die neue Heimatliebe im Nahverkehr
Nach seinesgleichen hat der Mensch sofort begonnen, Verkehrsmittel zu taufen. Was Sinn macht und sich über die Jahrtausende schwer bewährt hat. Ohne die »Arche Noah« wüssten wir wahrscheinlich nichts über die Sintflut, ohne die »Santa Maria« nichts über Amerika. Nach den Schiffs- folgten die Lokomotiv-, Flugzeug- und ICE-Taufen, sicher immer als Zeichen besonderer Verbundenheit. Die Lufthansa taufte 1960 erstmals ein Flugzeug, das fortan den Namen Berlin durch die Welt trug, so wie sie es jetzt auch mit Schweinfurth, Buxtehude, Zwickau oder Castrop-Rauxel tut.
Manchmal verbindet sich mit diesem Akt auch die etwas abergläubische Hoffnung, dass eine so persönliche Beziehung doch nicht durch irgendwelche technischen Macken gestört werden kann. Eine Kollegin aus dem Kulturressort nennt ihr kleines japanisches Auto Mister Kokasono, nach dem Endkontrolleur, dessen Namen sie auf einem kleinem Zettel unter der Motorhaube fand.
Jetzt ist endlich die S-Bahn dran, sich einen Namen zu machen. 90 Jahre mussten wir darauf warten, dann klappte es zum gestrigen Jubiläum gleich im Dreierpack: »Bernau« und sogar »Berlin« und »Brandenburg« fahren fortan durch Berlin und Brandenburg, »Erkner« tut es bereits seit Mai. Und das ist wirklich ein hoffnungsvolles Zeichen, besser als vorbeugende Instandhaltung. Oder sind Durchsagen vorstellbar »Berlin auf Gleis drei 15 Minuten verspätet«, »Brandenburg fällt aus« oder »Türen von Bernau wegen Vereisung geschlossen«?
Kein Wunder, dass sich bereits weitere Gemeinden um die Ehre einer Namensverleihung beworben haben, darunter sogar solche, die wie Velten gar keinen S-Bahn-Anschluss haben, aber schon lange darum kämpfen. Wenn erst mal der Zug den Namen trägt, klappt es vielleicht auch mit dem Gleisanschluss.
Spannend wird, ob und wie die BVG auf die neue Heimatverbundenheit ihrer Nahverkehrskollegen reagiert. Noch gibt sie sich reserviert, hat aber auch bis zu ihrem 90. noch knapp fünf Jahre Zeit.
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