Überwacht sogar noch im Umkleideraum
Kieler Fitness-Kette wegen Videokameras in der Kritik
»Wir legen größten Wert auf die technische Ausstattung unserer Studios.« Wer bei »wellyou discount-fitness« in Schleswig-Holstein etwas für die Gesundheit tun will, ist begeistert von dieser Ankündigung. Bis klar wird, dass die technische Ausstattung nicht nur Kardiogeräte, Laufbänder, Crosstrainer und Ergometer umfasst. Die zehn Fitness-Studios im Land sind ausgerüstet wie der »Big Brother«-Container - Videokameras überm Getränkeautomaten, an der Kasse, im Trainingsbereich, sogar in den Umkleidekabinen lassen kein Gefühl der Einsamkeit aufkommen.
Seit die Kieler Körperertüchtigungskette im Januar auch in Schleswig eine Filiale eröffnete, interessiert sich das Unabhängige Landeszentrum für Datenschutz (ULD) für das Fernseh-, äh: Fitness-Studio. Die vollständige Überwachung war mehreren Kunden aufgefallen, sie informierten umgehend die Datenschützer. Referatsleiter Sven Polenz, beim ULD zuständig für Privatwirtschaft, sieht in der Aufnahmetechnik der »wellyou«-Betreiber »ein gewisses Muster, das nach unserer Rechtsauffassung höchstwahrscheinlich nicht zulässig ist«.
Bei Testbesuchen wurde festgestellt, dass die meisten Kameras nicht auf den ersten Blick zu sehen sind - ein klarer Eingriff in Privatsphäre und Persönlichkeitsrechte der Kunden. Polenz: »Wieso wird dort gefilmt, wo man Sport treibt oder sich gerade nackig macht?« Die Mitgliederverträge des Fitnessladens sind an die Hausordnung gekoppelt - erst darin sehen die Kunden, dass das Studio videoüberwacht wird. Für Polenz »sehr fragwürdig«.
»wellyou«-Chef Volker Roese, der noch in diesem Jahr zwei weitere Filialen in Kiel und Heide eröffnen will und zehn neue Niederlassungen bis Greifswald und Potsdam plant, ist überzeugt, dass sein Überwachungssystem nicht illegal ist: Es gebe keine Monitore, so dass Mitarbeiter nicht sehen könnten, was die Kameras aufnehmen. Die Bilder würden lediglich auf Festplatten gespeichert und nur gesichtet, wenn es besondere Vorkommnisse gegeben habe. Ansonsten würden sie nach 24 Stunden automatisch gelöscht. Es gehe nur darum, Kunden und Mitarbeiter zu schützen - und wem das nicht passe, könne seine Mitgliedschaft kündigen.
Während Roese behauptet, dieses Vorgehen sei in 60 Prozent aller Fitness-Studios in Deutschland gängige Praxis, in Großstädten sogar bis zu 90 Prozent, halten andere Studio-Betreiber die flächendeckende Videoüberwachung besonders in der Umkleidekabine für ein absolutes No-Go. Datenschützer Polenz: »Wir haben dem ›wellyou‹-Betreiber jetzt die Möglichkeit gegeben, sich zu dem Fall zu äußern. Dann sehen wir weiter.« Bis dahin gilt für die Kunden als unfreiwillige Hauptdarsteller weiter »Vorsicht Kamera!«.
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