Wahrheitssucher
Rainer Moormann wirft dem Forschungszentrum Jülich Schlamperei vor
Rainer Moormann darf als einer der erfolgreichsten Whistleblower Deutschlands gelten. Im letzten Jahr bestätigte eine Expertenkommission: Der langjährige Mitarbeiter des Kernforschungszentrums Jülich hat Recht mit seiner Insider-Kritik am Jülicher Forschungsreaktor AVR. Ja, der AVR war 1978 nur knapp an einer Katastrophe vorbeigeschrammt. Sicherheitsregeln seien tatsächlich massiv verletzt worden.
Späte Genugtuung für den Experten, der 2008 drastische Missstände öffentlich machte und danach von seinem Arbeitgeber als Verräter gebrandmarkt wurde. Das Image der im AVR erprobten und angeblich »inhärent sicheren« Kugelhaufenreaktor-Technik zerstörte der Chemiker nachhaltig und verhinderte so deren lukrativen Export.
In dieser Woche brachte Moormann die Staatsanwaltschaft Aachen per Strafanzeige dazu, gegen Mitarbeiter des Forschungszentrums Jülich Ermittlungen aufzunehmen. Tatverdacht: unerlaubter Umgang mit radioaktiven Stoffen. Knapp 300 000 Brennelemente-Kugeln aus dem 1988 stillgelegten AVR stehen in Jülich bereit für den Abtransport. Sie befinden sich in einem improvisierten Zwischenlager, dessen Betriebserlaubnis vor zwei Jahren auslief.
»Die Sachlage ist offensichtlich, es herrscht ein gesetzloser Zustand«, sagt Moormann und wirft den Verantwortlichen »Überforderung« und »Schlamperei« vor. Bedeutsam sei indes, ob deren Verhalten schuldhaft oder bloß fahrlässig ist.
2012 verließ Moormann das Forschungszentrum Jülich, dessen Spitze er eine »Zermürbungstaktik« vorwirft, ging mit Anfang sechzig in Rente.
Wie konnte der einst glühende Atomkraft-Befürworter zum Whistleblower mutieren? »Für einen Wissenschaftler ist die Wahrheit die entscheidende Richtschnur.« Doch das Forschungszentrum habe die Wahrheit unterdrückt und Falsches in die Welt gesetzt - »letztlich aus kommerziellen Gründen«. Nun wollen die Chinesen die Jülicher Technik anwenden. »Ich hoffe, das läuft sich tot«, sagt Moormann.
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