Krise! Südeuropa verliert das Vertrauen ins System

Studie des unternehmensnahen Instituts IW: Immer weniger glauben an »liberale Wirtschaftsordnung« / Hüther: Teufelskreis aus ökonomischer Krise und Misstrauen in die Politik

  • Lesedauer: 2 Min.

Berlin. Die seit 2008 grassierende Krise und die politischen Reaktionen darauf machen sich im allgemeinen Bewusstsein der Europäer bemerkbar. »Vor allem in Südeuropa hat seit der Jahrtausendwende ein dramatischer Vertrauensverlust in die staatlichen Institutionen eingesetzt«, berichtet die »Welt am Sonntag« unter Berufung auf eine Studie des unternehmensnahen Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln. Aber nicht nur in Griechenland, Spanien und Portugal, sondern auch in Frankreich, Großbritannien und Spanien würde die Bürger »immer weniger an das demokratische System und die liberale Wirtschaftsordnung« glauben.

Was klingt wie eine Absage an Demokratie und sozial einigermaßen ausbalancierte Marktwirtschaft dürfte freilich eher eine zunehmende Abwendung von den Versprechungen der real existierenden Politik und von einem Krisenkapitalismus sein, in dem autoritär gegen gewählte Regierungen durchgesetzte und eine dem neoliberalen Austeritätsdogma unterworfene »Anpassungsprogramme« die Lebenschancen von immer mehr Menschen untergraben.

Der Grünen-Europapolitiker Sven Giegold sprach in einer ersten Reaktion auf die Studie von einer »brandgefährlichen Quittung für die unsoziale Krisenpolitik«. IW-Chef Michael Hüther wird in der »Welt am Sonntag« mit den Worten zitiert: »Es gibt einen Teufelskreis aus ökonomischer Krise und Misstrauen in die Politik.« Die Zeitung nennt eine »Faustformel«: Je höher das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, »desto stärker das Vertrauen in Demokratie und Marktwirtschaft«. Die IW-Forscher haben für 20 europäische Länder einen Vertrauensindex erstellt. Die Studie basiert auf diversen internationalen Umfragen zum Thema Vertrauen und auf statistischen Daten internationaler Organisationen mit zumeist jährlichen Erhebungen im Zeitraum zwischen 2000 und 2014.

Überraschend sind die Ergebnisse nicht. Immer wieder zeigen Studien, dass der Krisenkapitalismus immer weniger Zustimmung erhält. »Die Welt verliert das Vertrauen in den Kapitalismus«, hieß es schon im Sommer 2012 unter Berufung auf eine globale Studie des Pew-Forschungszentrums, in der die Zahl jener Befragten, die eine »freie Marktwirtschaft« für das beste System hielten, in den Jahren seit 2008 teils drastisch eingebrochen war - etwa in Spanien und Italien; in Griechenland lag die Zustimmung unter 50 Prozent. vk

Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.

Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.

Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.

Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!

Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:


→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.

Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.