Recht auf Bildung von Anfang an

GEW fordert Bildung und Sprachkurse - nicht nur für 300 000 minderjährige Flüchtlinge

  • Sebastian Loschert
  • Lesedauer: 3 Min.
Rund 40 000 zusätzliche Pädagogen wären laut Lehrergewerkschaft GEW nötig, um Flüchtlingen das Recht auf Bildung zu garantieren.

Darüber, ob Arbeit oder Bildung das beste Rezept für die »Integration« der Flüchtlinge sei, mag man streiten. Fest steht aber: Ohne Bildung, zumal ohne deutsche Sprachkenntnisse, werden Geflüchtete nur schwer Arbeit und Anschluss finden. »Bildung kann nicht warten!«, lautet denn auch der Titel eines am Donnerstag in Berlin von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) vorgestellten Konzeptes. Das Menschenrecht auf Bildung müsse für alle Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen gelten. Von Beginn an, »ohne Ausnahme und ungeachtet ihres Aufenthaltsstatus«, sagte GEW-Vorsitzende Marlis Tepe.

Auf der Basis von rund einer Million Flüchtlinge rechne die GEW im nächsten Jahr mit 300 000 neuen Schulkindern und benötigten 100 000 Kitaplätzen. Daraus ergebe sich ein zusätzlicher Bedarf von rund 25 000 LehrerInnen und 14 000 ErzieherInnen. In allen Bildungsbereichen - von Kita, allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen, Universitäten bis zu Integrationskursen - gebe es Handlungsbedarf. Die Gesamtmehrkosten beziffert die Erziehungsgewerkschaft auf etwa drei Milliarden Euro.

»Das Geld ist da«, sagte Tepe: »Wir müssen der Regierung nur deutlich genug sagen, dass es nötig ist.« Zwar hofft sie auf die frei gewordene Milliarde aus dem Betreuungsgeld, doch woher die Mittel genau kommen sollen, ließ sie offen. Sie erinnerte an die Versprechen im Koalitionsvertrag, wonach etwa »Zuwanderung und Integration von Anfang an Hand in Hand gehen« müssen und forderte, die Politik der Kanzlerin an diesen Vorgaben zu messen.

Die Integration junger Flüchtlinge in das deutsche Bildungssystem ist auch Hauptthema bei der ebenfalls am Donnerstag eröffneten Kultusministerkonferenz (KMK) in Berlin.

Grundsätzlich gilt: Kinder von Asylbewerbern haben nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, eine Schule zu besuchen - auch wenn die Schulpflicht in manchen Bundesländern erst greift, nachdem die Geflüchteten die Erstaufnahmeeinrichtung verlassen. In den meisten Bundesländern werden die Kinder zunächst in separaten Klassen sprachlich vorbereitet. Die Berliner Lösung, für jeweils zwölf bis 14 neuankommende Kinder zunächst sogenannte Willkommensklassen einzurichten, lobte die GEW-Vorsitzende als »hervorragende Entscheidung«. Dadurch glichen sich die Lernniveaus der Schüler besser an. Im Saarland etwa, wo Flüchtlingskinder direkt in die existierenden Klassen integriert werden, empfänden viele Lehrer Überforderung und die dortige Linie als »Sparlösung«.

Im Schulsektor vieler Bundesländer herrscht jedoch neben einem Finanz- auch ein Lehrkräftemangel. Deshalb sollten vermehrt Pädagoginnen und Pädagogen, die über die Qualifikation »Deutsch als Zweitsprache« (DaZ) verfügen, in den Schulen eingestellt werden, fordert die GEW. Es müsse auch über den zeitlich begrenzten Einsatz pensionierter Lehrkräfte sowie über DaZ-Crashkurse für pädagogisch qualifizierte Menschen nachgedacht werden, so Tepe.

Für die Kitas empfiehlt die GEW, das im Jahr 2016 startende Programm der »Sprach-Kitas« auszubauen. Hierbei werden vom Familienministerium halbe Fachkraftstellen für sprachliche Bildung finanziert. Mehr Mittel und personelle Ausstattung in Hinsicht auf Flüchtlinge forderte Tepe auch für Integrationskurse und für Universitäten

Schließlich würdigte Tepe das »große Engagement« ihrer pensionierten Lehrerkollegen, von denen viele ehrenamtlich Deutsch lehren würden. Nicht nur für diese Gruppe von Freiwilligen gilt: »Sie sind sehr engagiert, aber sie brauchen die Unterstützung der Politik.«

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