Die Flüchtlinge, die Kälte, die Angst

Zigtausende Asylsuchende sind in Zelten untergebracht. Schlafsäcke und Decken gehen aus. Den Menschen droht Krankheit - oder gar Schlimmeres

  • Yannick Pasquet
  • Lesedauer: 3 Min.
Der Winter bedroht die Asylsuchenden in unzureichenden Unterkünften. Die Behörden würden Abhilfe versprechen, »aber sie sagen uns nicht wann«, sagt ein Flüchtling. »Wir können nicht mehr ausschließen, dass Menschen sterben«, hört man bei Caritas.

Er könne nachts nicht länger als eine Stunde im Zelt bleiben, sagt Hussein. Zu kalt sei es. Der 25-jährige Afghane lebt seit einem Monat in Hamburg. Er ist einer von 4.000 Flüchtlingen, die dort in größtenteils unbeheizten Zelten schlafen. Die wurden aus Zeitnot im Sommer als Übergangslösung errichtet. Jetzt stehen die Zelte noch immer - und der Winter ist da.

Die 1,7 Millionen Einwohner zählende Hansestadt hat bislang rund 30.000 Flüchtlinge aufgenommen. In Hamburg und vielen anderen Orten mussten Neuankömmlinge zumindest vorübergehend in Zelten untergebracht werden. Angesichts der stark gefallenen Temperaturen sind nun winterfeste Quartiere nötig. Die ohnehin schon überlasteten Behörden müssen jetzt die nächste Notlösung für zehntausende Flüchtlinge bundesweit finden.

»Sie sagen, dass sie etwas tun werden, aber sie sagen uns nicht wann«, sagt Hussein, der seinen richtigen Namen nicht verraten will. »Vielleicht, wenn sich jeder in einen Eiszapfen verwandelt hat.«

Allein in den Einrichtungen der Bundesländer waren Anfang Oktober 42.000 von rund 305.000 Flüchtlingen in Zelten und zeltähnlichen Unterkünften untergebracht, wie eine Umfrage der Zeitung »Die Welt« ergab. Hinzu kämen Zelte der Kommunen, über deren Anzahl die Bundesländer keine Angaben machen könnten.

Vor besonders großen Herausforderungen steht Hessen. Dort wohnten nach Angaben des hessischen Integrationsministeriums rund 6.900 von 18.000 Flüchtlingen in Zelten - im Verhältnis zur Gesamtzahl der Flüchtlinge sei dies der höchste Anteil aller Bundesländer.

Nach Berichten leben aktuell nur in Thüringen und im Saarland alle Flüchtlinge in festen Unterkünften. In Baden-Württemberg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein soll das laut »Bild«-Zeitung bis zum Ende des Monats der Fall sein. Beheizte Container sind kaum mehr zu bekommen, Kommunen widmen die letzten freien Turnhallen um oder weichen auf Holzbauten aus. In Hamburg werden zunächst Frauen und Kinder in solche Baracken umquartiert.

In Berlin rollen sich seit Tagen hunderte Flüchtlinge vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales notdürftig in Decken ein. »Wir können nicht mehr ausschließen, dass Menschen sterben«, warnte die Direktorin des Caritasverbandes, Ulrike Kostka, im »Tagesspiegel«. Zwar öffnete jüngst eine neue Registrierungsstelle - einen großen Unterschied macht das für den Berliner Senator für Gesundheit und Soziales, Mario Czaja, angesichts der Flüchtlingszahlen aber nicht. Berlin habe früher 1.500 bis 2.000 Flüchtlinge pro Jahr aufgenommen, »momentan ist das die Zahl derer, die jeden Tag ankommen«.

Eine Berliner Messehalle ist gerade erst zur Notaufnahmeeinrichtung umfunktioniert worden. Wo eigentlich im Januar die Landwirtschaftsmesse Grüne Woche öffnen soll, zwängen sich jetzt die Neuankömmlinge in notdürftig voneinander abgetrennte Etagenbetten. Wann in der Hauptstadt alle Flüchtlinge in festen - und warmen - Unterkünften schlafen können, ist ungewiss.

In Sachsen betreut das Rote Kreuz 10.000 Flüchtlinge und beklagt, dass unbeheizte Zelte zu Gesundheitsproblemen geführt hätten. »Die Menschen sind aufgrund der Kälte krank geworden«, sagt ein Sprecher. »Wir haben alle Schlafsäcke und Decken verteilt, die wir haben, aber das hat nicht gereicht.« Für den Augenblick beheizt das Rote Kreuz nach eigenen Angaben zwar alle Zelte in seiner Obhut mithilfe von Generatoren. Doch es kann nicht ausschließen, aufs Neue Flüchtlinge in unbeheizte Unterkünfte schicken zu müssen. AFP/nd

Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.

Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.

Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.

Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!

Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:


→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.

Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.