Grüne: Merkel muss türkische Medienpolitik ansprechen
Regierung in Ankara will Kontrolle über größte regierungskritische Zeitung übernehmen / Grünen-Chefin Peter: »Das gehört auf den Verhandlungstisch!«
Ankara. Die regierungskritische türkische Zeitung »Zaman« wird laut einem Agenturbericht unter Aufsicht der Justiz gestellt. Ein Istanbuler Gericht habe dies am Freitag angeordnet und werde eine neue Führungsriege für die Zeitung ernennen, berichtete die offizielle türkische Nachrichtenagentur Anadolu. Die Entscheidung fiel demnach auf Antrag der Istanbuler Staatsanwaltschaft.
Die Chefredakteurin des englischsprachigen »Zaman«-Schwesterblattes »Today's Zaman«, Sevgi Akarcesme, sagte der Deutschen Presse-Agentur in Istanbul am Telefon: »Das ist das Ende der Pressefreiheit in der Türkei, und das verstößt gegen unsere Verfassung.«
Akarcesme sagte weiter: »Das ist ein trauriger und beschämender Tag.« Der Schritt sei zwar erwartet worden. »Es ist nicht überraschend, aber das heißt nicht, dass es weniger schmerzhaft für die türkische Demokratie ist.« Die Chefredakteurin kritisierte, es gebe keine Rechtstaatlichkeit in der Türkei mehr. Die Treuhänder würden demnächst erwartet. »Wir arbeiten an der letzten Ausgabe unserer Zeitung. Wir versuchen, sie fertigzustellen, bevor sie ankommen.«
Simone Peter, die Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, forderte die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) via Twitter auf, diesen Fall beim am Montag beginnenden EU-Türkei-Gipfel in Brüssel anzusprechen:
Türk. Regierung will Kontrolle über größte regierungskritische Zeitung übernehmen. Das gehört auch auf den Verhandlungstisch, Frau Merkel!
— Simone Peter (@peter_simone) 4. März 2016
Die Mediengruppe Zaman, zu der die Nachrichtenagentur Cihan gehört, soll der Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen nahestehen, einem Erzrivalen von Staatschef Recep Tayyip Erdogan. Die Regierung in Ankara stuft die Gülen-Bewegung als »Terrorgruppe« ein.
Erdogan beschuldigt seinen Rivalen Gülen, Justiz und Polizei unterwandert zu haben, um einen »Parallelstaat« zu schaffen. Erdogans früherer Mitstreiter aus dem islamisch-konservativen Lager lebt seit Jahren in den USA.
Kritiker im In- und Ausland sehen eine zunehmende Unterdrückung der Pressefreiheit in der Türkei. Auf einer Rangliste zum Stand der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen liegt die Türkei auf Platz 149 von 180 Staaten. Dutzende Journalisten sind in dem Land inhaftiert. AFP/nd
Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.
Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.
Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.
Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!
Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:
→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.
Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.