Vom Aussterben bedroht

Erste weltweite Auswilderung Persischer Leoparden im russischen Nordwestkaukasus

  • Elke Windisch, Moskau
  • Lesedauer: 3 Min.
Im russischen Nordwestkaukasus sind drei Persische Leoparden ausgewildert worden. Sie sollen den Grundstock für eine stabile Population in freier Wildbahn bilden. Die Art ist vom Aussterben bedroht.

Angst? Unsicherheit? Wenigstens eine halbe Drehung des Kopfes zurück zu den Gefährten? Nichts da! Victorias Blick kennt nur eine Richtung: Nach vorn auf das hüfthohe Gras und den lichten Bergwald. Der hat sie bereits verschluckt, als Achun und Killi ihr nach ein paar Minuten folgen. Erleichtert sammeln die Zweibeiner ihre Gerätschaften ein, das Vorhaben scheint geglückt: Die weltweit erste Auswilderung von in Gefangenschaft geborenen Persischen Leoparden. Eine akut vom Aussterben bedrohte Art. Nun sollen die Großkatzen, die sich von der Verwandtschaft vor allem durch hellere Zeichnung des Felles abheben, wieder dort angesiedelt werden, wo sie einst heimisch waren. Im russischen Nordwestkaukasus.

Das ambitionierte Vorhaben ist ein Gemeinschaftsprojekt der Russischen Akademie der Wissenschaften und der russischen Sektion von WWF - World Wide Fund for Nature - eine der größten global agierenden Naturschutzorganisationen. 2005 begann die Planung, 2009 zogen erste Bewohner in das neu geschaffene Reproduktionszentrum im Nationalpark Nordwestkaukasus nahe Sotschi ein: Zwei männliche Tiere aus Turkmenistan und zwei weibliche aus Iran. Später stieß ein Pärchen aus dem Zoo von Lissabon dazu. Erster Nachwuchs kam 2013 zur Welt, Anfang dieses Jahres tollten in der Kinderstube schon 16 Leopardenbabys. Die ersten sind bereits geschlechtsreif und wurden nun ausgewildert.

Naturschützer und Wissenschaftler haben die Tiere gründlich auf das Leben in freier Natur vorbereitet. Erwachsene Zootiere und in Gefangenschaft geborene hätten ihren Jagdinstinkt verloren, sagt Igor Tschestin, Generaldirektor von WWF Russia. Als Lehrer für die Jungtiere - beim Beutemachen etwa - seien sie daher nicht tauglich. Der Mensch musste sich daher selbst bemühen und gleichzeitig den Kontakt zu seinen Schützlingen auf das absolute Minimum beschränken. Denn in Gefangenschaft verliert Panthera pardus saxicolor, so der wissenschaftliche Name für den Persischen Leoparden, auch die Scheu vor Homo sapiens.

Doch was ist mit Wladimir Putin? Vor Eröffnung der Olympischen Winterspiele 2014 kuschelte er mit Jungleopard Grom. Grom - zu Deutsch »Donner« - sei ein Sonderfall, erklärt Tschestin. Seine Mutter habe ihn nicht angenommen. Er musste mit der Flasche großgezogenen werden und bekam vor der Entlassung zu Mutter Natur Zusatztraining. Die Auswilderung im Juli sei erst der Anfang. Eine stabile Population von mindestens 50 Tieren sei erforderlich, damit die Art im Nordwestkaukasus wieder heimisch wird. Der letzte Persische Leopard sei dort vor einem Menschenalter gesichtet worden und auch in anderen Regionen auf dem Rückzug.

Der Mensch und dessen Infrastruktur dringen seit Mitte des 20. Jahrhunderts unaufhaltsam in seinen Lebensraum vor. Die Folge: Die einst im gesamten Kaukasus und in Vorderasien verbreiteten Persischen Leoparden leben heute in isolierten Gruppen. Zwischen ihren Revieren liegen hunderte Kilometer. Von den weltweit noch maximal 1300 Tiere leben zwei Drittel in Iran, vor allem im Nationalpark Golestan im Nordosten. Bei den Nachbarn Armenien und Aserbaidschan sind es noch je ein knappes Dutzend. In Georgien und in der Türkei gelten sie als ausgerottet.

So wie der Kaspische Tiger. Das letzte Exemplar wurde 1970 gesichtet und wahrscheinlich von Trophäenjägern zur Strecke gebracht. Das, so Tschestin, werde sich - zumindest in Russland - mit dem Persischen Leoparden nicht wiederholen. Das Zentrum behält die Tiere auch nach der Auswilderung im Auge. Ein Halsband mit Sender übermittelt Standort und Routen. GLONASS - das russische Pendant zu GPS - macht’s möglich. Auch wurden 24 »Fotofallen« aufgestellt. Für Notfälle steht sogar eine mobile Rettungseinheit bereit.

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