Weniger Berliner überschuldet

Verschuldungsatlas 2016 sieht leichte Entspanung - entgegen dem Bundestrend

  • Tomas Morgenstern
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Zahl der Berliner, deren Zahlungsverpflichtungen und Ausgaben dauerhaft ihr Einkommen übersteigen, ist 2016 leicht gesunken. Dennoch steckt weiterhin rund jeder achte Erwachsene auf absehbare Zeit in der Schuldenfalle. Männer sind doppelt so häufig betroffen wie Frauen, und auch die Gruppe der 60- bis 69-Jährigen hat zunehmend Schulden. Das geht aus dem am Dienstag vorgestellten Schuldneraltlas Berlin-Brandenburg 2016 des Wirtschaftsauskunfts- und Risikomanagementunternehmens Creditreform hervor.

Insgesamt waren zum 1. Oktober 373 221 Hauptstädter, die älter als 18 Jahre sind, überschuldet - fast 3000 weniger als 2015 (376 184). Damit entwickelt sich die private Überschuldung in Berlin entgegen dem bundesweiten Trend, ging sie doch in der Stadt binnen zwölf Monaten 0,8 Prozent zurück (Bund plus 1,9). Die Schuldnerquote, die die Zahl der überschuldeten Personen ins Verhältnis zu der der Einwohner setzt, sei von 12,99 Prozent auf 12,74 Prozent gesunken. »Damit liegt Berlin aber noch immer deutlich über dem Bundesdurchschnitt, auch wenn sich der Abstand verringert hat«, sagte Creditreform-Sprecher Michael Herzog. »Und die Hauptstadt ist mit Bremen weiter Schlusslicht.« Bundesweit sei die Schuldnerquote von 9,92 auf 10,06 Prozent gestiegen.

Ursache für den positiven Trend sei neben der rückläufigen Zahl der Überschuldungsfälle vor allem ein »größtenteils aus Zuwanderung« resultierender Bevölkerungszuwachs, heißt es. Doch auch das gute Wirtschaftsklima in der Stadt sei eine gute Grundlage für eine langfristige Entspannung. Herzog verwies beispielsweise auf eine ausgesprochen gute Auftragslage bei kleinen und mittleren Unternehmen in Berlin.

»Ausschlaggebend für die positiven Entwicklungen war sicherlich die anhaltend gute Wirtschaftslage in der Bundeshauptstadt, die eine kräftig sinkende Arbeitslosigkeit zur Folge hatte«, heißt es im Atlas. »Allein im Vergleich zum Vorjahresmonat nahm die Zahl der Arbeitslosen im Oktober 2016 - vorrangig im Bereich SGB II - um rund 14 700 auf noch 172 000 Betroffene ab (minus 8,5 Prozent).« Noch immer seien Arbeitslosigkeit und Einkommensarmut Hauptauslöser von Überschuldungsprozessen.

Die Schuldnerdichte hat sich 2016 in allen 23 Stadtbezirken verringert - vor allem in Hohenschönhausen, Wedding, Tiergarten und Mitte, wobei sie dort überdurchschnittlich hoch blieb. Auch die absolute Zahl Betroffener sank. Längerfristig betrachtet ergebe sich aber ein differenziertes Bild. So sei seit 2009 die Zahl der Überschuldeten vor allem in Spandau (plus 22,6 Prozent) und Hellersdorf (plus 16,6) stark gestiegen, während es in acht Bezirken, allen voran Prenzlauer Berg (minus 10,3) weniger gab. Mit einer Quote von 18,13 Prozent sei Wedding Schlusslicht, Zehlendorf mit 7,49 Spitze.

Die Verbesserung der Überschuldungssituation beruhe ausschließlich auf dem Rückgang »weicher« Faktoren (Mahn- und Inkassofälle), wird konstatiert. Einen neuen Höchststand habe mit 231 860 (plus 2,8 Prozent) die Zahl der »hart« (gerichtsrelevant) Überschuldeten erreicht.

»Das ist unter dem Strich negativ und bedeutet, dass das Klima für Schuldner in Berlin rauer wird«, räumte Herzog ein.

- Anzeige -

Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.

Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.

Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.

Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!

Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:


→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.

Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.

- Anzeige -
- Anzeige -