Autismus an Schulen: Vor verschlossenen Türen

Autismus und andere neuronale Einschränkungen sind noch immer ein großes Bildungshindernis

Ein Kind malt im Kunstunterricht.
Ein Kind malt im Kunstunterricht.

Für Adrian war es eine neue Welt. »Er hat sich wirklich wohlgefühlt«, erinnert sich seine Großmutter Susanne Reichert an Adrians erste Schultage vor fünf Jahren. Sie ist die Erziehungsberechtigte des Elfjährigen. Bei Adrian wurde frühkindlicher Autismus diagnostiziert, er kann sich sprachlich kaum artikulieren, zudem ist er inkontinent. Als er die erste Klasse der Peter-Frankenfeld-Schule, einer Förderschule in Lankwitz, besucht, habe sein Leben Struktur bekommen, sagt Reichert. Von 8 bis 13 Uhr besucht er wochentags die Schule, anschließend den Hort. Er habe trotz aller Schwierigkeiten Kontakt mit anderen Kindern aufbauen können, auch die Klassenlehrerin habe gut auf sein oft herausforderndes Verhalten eingehen können. »Das hat ihm gefallen«, sagt Reichert.

Doch die neue Stabilität währt nur kurz. Adrian zieht in ein Wohnheim für autistische Kinder um – der Umzug und die neue Wohnumgebung belasten ihn offenbar. Im Unterricht beißt er sich in die Handgelenke, wenn er unter Stress gerät, haut sich mit voller Kraft gegen die Ohren. »Das sind unkontrollierte Reaktionen in einem psychischen Ausnahmezustand, die er zeigt, wenn er mit Reizüberflutung konfrontiert wird«, erklärt Reichert. Es kommt auch zu Angriffen auf Mitschüler und Lehrpersonal. Am Ende des zweiten Schuljahres bittet die Schule Susanne Reichert und ihren Mann, Adrian für eine Zeit aus dem Unterricht zu nehmen. Sie stimmen zu. »Niemand möchte sein Kind auf eine Schule schicken, wo es nicht beschult werden kann, wo es niemand möchte«, sagt Reichert.

Solche Unterrichtsausschlüsse sind für Kinder mit Autismus oder anderen neuronalen Einschränkungen keine Seltenheit, im Gegenteil. Zwischen 1000 und 2000 Schüler aus dieser Gruppe werden aktuell nicht oder nur stark eingeschränkt beschult, schätzt der Berliner Landesverband der Lebenshilfe in einem zum Welt-Autismus-Tag am vergangenen Mittwoch herausgegebenen Positionspapier – bei berlinweit etwa 5000 Schülern mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung. Die Senatsbildungsverwaltung selbst veröffentlicht keine Zahlen zu Unterrichtsausschlüssen.

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»Es besteht kein Interesse, das zu erheben«, sagt Wencke Pohle, Sozialreferentin beim Berliner Landesverband der Lebenshilfe. Denn eigentlich haben die Kinder einen gesetzlichen Anspruch darauf, in eine Schule zu gehen. Erfüllt werden kann er oft nicht. Die Ausschlüsse finden sowohl an inklusiven Regelschulen statt als auch an Förderschulen, wo etwa zwei Drittel der Kinder mit den entsprechenden Förderschwerpunkten unterrichtet werden.

Oft beginnt der Ausschluss schon vor dem eigentlichen Schulbesuch: Für Eltern von autistischen Kindern ist es oft schwer, einen Schulplatz für ihr Kind zu finden. »Wir haben alle Schulen im Bezirk abgeklappert«, erinnert sich Susanne Reichert. Doch fast alle sagten ab. Erst kurz vor Beginn des Schuljahres konnten sie den Platz an der Peter-Frankenfeld-Schule sichern.

»Auch Einzugsschulen können Kinder abweisen«, sagt Wencke Pohle. Grund sei der sogenannte Ressourcenvorbehalt, der es Schulen erlaube, Kinder mit Förderschwerpunkten nicht aufzunehmen, wenn die personellen Kapazitäten fehlen, um sie zu betreuen. »Dann geht der Fall an das Schulamt zurück«, so Pohle. Eine Lösung könne aber auch dann oft nicht gefunden werden, denn viele Schulen sehen sich als überlastet. »Die Voraussetzungen im Schulsystem bestehen nicht, damit die Schulen guten Gewissens die Kinder aufnehmen können«, sagt Pohle.

Doch auch wenn das Kind an einer Schule untergebracht werden kann, ist eine dauerhafte Beschulung nicht gesichert. Üblich ist, dass autistische Kinder nur eine begrenzte Zahl von Stunden am Unterricht teilnehmen – nicht selten weniger als zehn Stunden in der Woche. Eigentlich sollen die Lehrkräfte im Klassenraum von sonderpädagogischen Fachkräften unterstützt werden. Häufig sind dies sogenannte Schulhelfer, die die eingeschränkten Kinder im Schulalltag begleiten. Im Idealfall sollen sie sich an der Konzeption des Unterrichts beteiligen und etwa Arbeitsmaterialien an die Bedürfnisse und Fähigkeiten der Kinder mit Förderbedarf anpassen.

Die Realität ist oft eine andere. »Es gibt Kinder, die den ganzen Tag niemanden an ihrer Seite haben, obwohl es notwendig wäre«, sagt Pohle. An vielen Schulen mangele es an personellen Ressourcen. Der Fachkräftemangel schlägt sich auch bei Sonderpädagogen nieder, zudem sind die bereitgestellten Mittel oft knapp bemessen. Betroffene berichten, dass Schulhelfer mit Teilzeitstellen in der Woche mehrere Kinder in verschiedenen Klassen betreuen müssen. »Wenn der Personalmangel groß ist, werden den Kindern dann Mandalas vorgesetzt«, sagt Pohle. »Das ist banale Beschäftigung, keine Beschulung.«

Neben den an den Schulen angestellten Schulhelfern können Eltern auch eine individuelle Assistenz für ihr Kind bei den Jugendämtern beantragen. Auch Susanne Reichert wurde dies nahegelegt, als ihr Enkel erstmals vom Unterricht ausgeschlossen wurde. »Es ist schwierig, in dem Bereich passende Leute zu finden«, sagt sie. Betroffene berichten von komplizierten Antragsprozessen, in denen die Diagnose des Kindes oft mehrmals nachgewiesen werden müsse. »Ich weiß ein bisschen, wie man mit Ämtern umgehen muss«, sagt Reichert und lacht. Sie hatte schon vor Adrians Geburt als gesetzliche Betreuerin gearbeitet und hatte Erfahrung mit der Antragstellung.

»Die Schulen fühlen sich oft überfordert.«

Wencke Pohle Lebenshilfe Berlin

Mit der neuen Assistenz gelingt es Adrian, wieder in die Schule zurückzukehren. Als er in eine Klasse zu einer Lehrerin kommt, der er vertraut, kann er sogar seine wöchentlichen Unterrichtsstunden deutlich erhöhen. »Adrian hat das gut gemacht«, erinnert sich Reichert. Auch die Rückmeldung der Lehrkräfte sei positiv gewesen. Umso schockierter ist sie, als ihr bei einer Klassenkonferenz am Ende des vierten Schuljahres mitgeteilt wird, dass Adrian erneut vom Unterricht ausgeschlossen werden soll. Man befürchte eine »pädagogische Eskalation«, wenn er in die Mittelstufe versetzt wird, erklärt ihr der anwesende Schulleiter.

Offenbar wird Adrian der Wechsel in die nächste Klassenstufe nicht zugetraut, die Lehrkräfte erwarten erneute Gewaltvorfälle. Ein volles Jahr geht er daraufhin nicht zur Schule. »Wir hatten das Gefühl, dass die Verantwortung weggeschoben wird«, sagt Reichert. Sie engagiert privat einen Schulhelfer, den sie über Pflegemittel bezahlt. Der habe Adrian zeitweise betreut. Eine Beschulung habe das aber nicht ersetzen können.

»Die Schulen fühlen sich oft überfordert«, sagt Wencke Pohle von der Lebenshilfe. Verhaltensauffälligkeiten und Personalengpässe würden dann herangezogen, um den Ausschluss aus dem Unterricht zu rechtfertigen. »Natürlich sind die Kinder verhaltensauffällig«, so Pohle. »Aber das hat Ursachen – und an denen wird nicht gearbeitet.«

Sie habe Verständnis, dass Lehrkräfte oft mit den Bedürfnissen autistischer Kinder nicht zurechtkommen, sagt Pohle. »Man lässt sie zu häufig auch einfach allein mit den Problemen.« Doch sie halte es für den falschen Ansatz, nur auf das Verhalten des Kindes zu schauen. Viel wichtiger sei es, die Bedingungen an den Schulen in den Blick zu nehmen: »Das Schulsystem muss insgesamt barrierefreier werden.« Würden die Schulen beispielsweise Ruheräume zur Verfügung stellen, in die sich die Kinder in Stresssituationen zurückziehen können, oder eine engmaschigere Betreuung anbieten, könnte problematisches Verhalten oft aufgefangen werden. Letzteres scheitere aber oft am Geld. »Wenn die Schulen zusätzliche Ressourcen im Rahmen der Grundausstattung beantragen, ist unklar, welche Mittel sie am Ende bekommen«, so Pohle.

Für Susanne Reichert und ihren Mann bedeutet der einjährige Unterrichtsausschluss von Adrian, dass sie ihre Arbeitstätigkeit weitgehend niederlegen müssen. »Wir haben peu à peu immer weniger gearbeitet«, erinnert sie sich. Irgendwann habe sie sogar gekündigt und sich selbstständig gemacht, um ihre Arbeitszeiten flexibler gestalten zu können. Adrian ganztägig zu betreuen, sei eine enorme Herausforderung für die ganze Familie gewesen, die auch emotional belastend sei.

Auch diese Erfahrung machen viele Eltern. Es sei üblich, berichten Betroffenenverbände, dass in Familien mit geistig eingeschränkten Kindern mindestens ein Elternteil ganz auf die Berufstätigkeit verzichte. Für viele sei das eine Armutsfalle. Noch dramatischer, sagt Susanne Reichert, seien aber die Konsequenzen für Adrians Persönlichkeit: »Er hat sehr unter dem Ausschluss gelitten. Er fühlte sich ein bisschen wie ein Alien.«

Dazu kämen die häufigen Beziehungsabbrüche, etwa zu Lehrkräften oder Schulhelfern. »An vielen von denen hat er sehr gehangen«, sagt Reichert. »Als er sie nicht mehr sehen konnte, war das ganz furchtbar für ihn.« Verstehen könne er die Gründe für die Ausschlüsse nicht. »Natürlich haben wir versucht, ihm die Gründe klarzumachen«, sagt Reichert. Aber Adrian habe nur einen eingeschränkten Zugang zu seinen eigenen Emotionen.

Inzwischen gibt es zumindest eine Übergangslösung für Adrian. In einer neuen Schule erhält er täglich zwei Stunden Einzelunterricht. Für ihn sei das schon eine große Erleichterung, glaubt Reichert. »Die Räume sind toll und die Lehrerin ist engagiert«, sagt sie. Ob der Unterricht auch im nächsten Schuljahr stattfinden werde, sei aber noch unklar. Und es bleibe das Risiko, dass Adrian erneut vom Unterricht ausgeschlossen werden könnte, falls es wieder zu Gewaltvorfällen kommt.

Auch insgesamt sieht Reichert die Einzelbeschulung nicht als ideale Lösung. Lieber wäre ihr, Adrian könnte zumindest in einer Kleingruppe unterrichtet werden. Denn der mangelnde Kontakt zu anderen Kindern schade seiner Entwicklung. »Wenn er nicht mit anderen Kindern agieren kann, kann er auch sein Sozialverhalten nicht verbessern«, sagt sie. Einen Ausweg aus diesem Teufelskreis biete der Einzelunterricht nicht.

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