Türkei: 58 Prozent gegen Erdogans Präsidialsystem
Nach einer Umfrage eines Istanbuler Instituts lehnt die Mehrheit der Bevölkerung den Machtzuwachs für den Präsidenten ab
Berlin. Die vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan geplante Verfassungsänderung wird von der Mehrheit der Bevölkerung abgelehnt. Das ergab eine Umfrage des Istanbuler Forschungsinstituts Gezici, wie der Türkei-Experte Ismail Küpeli auf Twitter berichtet.
Laut dieser Umfrage ist die Ablehnung unter Anhängern der Oppositionsparteien HDP und CHP am stärksten (über 90 Prozent). Doch auch unter Anhängern der regierenden islamisch-konservativen AKP ist das »Nein« zum Präsidialsystem mit 20,5 Prozent nicht gering. Und obwohl der Vorsitzende der ultranationalistischen MHP, Devlet Bahceli, der AKP im November die Unterstützung der Verfassungsänderung zusagte, lehnen die Anhänger seiner Partei das Präsidialsystem zu 64,2 Prozent ab.
Die regierende AKP plant schon lange die Einführung einer präsidialen anstelle einer parlamentarischen Demokratie. Über die Verfassungsänderung soll jedoch in einem Referendum abgestimmt werden – das laut der aktuellen Umfrage scheitern könnte. »Dann wird die Regierungspartei AKP bei der Volksabstimmung über das Präsidialsystem im Frühjahr 2017 ein wenig ‘nachhelfen’ müssen«, kommentiert Küpeli zynisch auf Twitter.
Nach einem aktuellen Gesetzesentwurf soll der türkische Präsident Dekrete mit Gesetzeskraft erlassen können - wie im derzeit geltenden Ausnahmezustand. AKP-Chef Binali Yildirim sagte Anfang Dezember, nach der geplanten Verfassungsreform solle der Präsident den Entwurf für den Haushalt der Regierung einbringen. Andere Gesetzesentwürfe sollten weiterhin vom Parlament kommen. Außerdem solle der Präsident künftig einer Partei angehören dürfen. Bislang schreibt die Verfassung parteipolitische Neutralität vor. Die Zeitung »Hürriyet« berichtete zudem, dem Präsidenten solle sogar die Übernahme eines Parteivorsitzes erlaubt werden. Die Amtszeit des Präsidenten solle auf zwei Legislaturperioden beschränkt werden. Erdogan könnte damit bis 2029 regieren.
Die AKP und die kleinste Oppositionspartei MHP haben mit 356 Stimmen die nötige Mehrheit von 60 Prozent im Parlament, um ein Referendum über die Machterweiterung des türkischen Präsidenten in die Wege zu leiten. Yildirim rechnet mit einer Volksabstimmung über ein Präsidialsystem zu Beginn des Sommers. ek
Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.
Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.
Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.
Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!
Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:
→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.
Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.