- Politik
- Reformen im Senegal
Ein weiter Weg ins goldene Zeitalter
Senegals neue Regierung will das Land in die wirtschaftliche Selbstbestimmung führen. Leicht wird das nicht
Nach dem fulminanten Machtwechsel in Dakar im vergangenen Jahr ist für die neue Regierung inzwischen der politische Alltag eingekehrt. Auf ihr und dem Präsidenten Bassirou Diomaye Faye lasten große Erwartungen. Der von ihm ausgerufene »Plan Senegal 2050« ist ein ziemlich ambitioniertes Vorhaben. Damit will die Regierung das Land »souverän, gerecht und wohlhabend« machen. Die Abhängigkeit von Nahrungsmittelimporten will sie überwinden und die räumliche Konzentration der Wirtschaft dezentralisieren. Konkret plant sie ein jährliches Wirtschaftswachstum von 6,5 Prozent während ihrer ersten Amtszeit. Bis 2050 soll das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf von 1660 auf 4500 US-Dollar im Jahr steigen.
»Es ist einfacher, auf symbolische Taten wie das Schließen der französischen Militärbasen zurückzugreifen, um an das Wahlversprechen von Selbstbestimmung anzuknüpfen.«
Marième Soumaré Journalistin
Aber noch bevor diese Vorhaben öffentlich vorgestellt wurden, waren der Regierung bereits Steine in den Weg gelegt worden. Weil er rechtschaffen sein wollte, hatte Faye die Prüfung der geerbten Staatsfinanzen angeordnet. Die erschreckenden Ergebnisse dieses Kassensturzes veranlassten internationale Ratingagenturen dazu, die Kreditwürdigkeit des Lands herabzustufen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) legte in der Reaktion darauf seine geplante Kreditvergabe erst mal auf Eis.
»Schlechtes Timing«, meint Elimane Haby Kane, der Vorsitzende des Think-Tanks Legs Africa. »Dadurch haben sie potenzielle Partner verschreckt«, sagt er. Man müsse jedoch auch nachsichtig mit der Regierungspartei Pastef sein. Durch die Repression ihr gegenüber in den vergangenen Jahren unter dem vormaligen Regierungschef Macky Sall habe sich die Partei schlecht aufstellen können. Und die finanzielle Situation des Landes erweise sich zweifellos als Nachteil für sie.
Dabei seien Schulden nicht per se schlecht, meint Kane. »Alle Staaten machen Schulden. Es kommt darauf an, sich auf die richtige Weise zu verschulden.« Das bedeute etwa, Investitionen zu tätigen, die die nationale Wirtschaft stärken.
Ein zentrales Wahlversprechen von Pastef war das Anstreben einer wirtschaftlichen Selbstbestimmung. Deshalb sollten die internationalen Öl- und Gasverträge neu verhandelt werden. Seit der Ernennung einer Kommission zu diesem Zweck im August ist dazu jedoch nichts mehr an die Öffentlichkeit gedrungen. »Solches Vertragswerk kann man nicht mal eben so umschreiben«, sagt Kane. »Unabhängig davon, welches neue Regelwerk durch eine neue Regierung beschlossen wird, basieren die bestehenden Verträge auf dem jeweiligen Code zur Zeit des Vertragsabschlusses.« Neuverhandlungen seien nur selten möglich.
Solange es hier keine konkreten Verbesserungen gebe, sei für die Regierung die Versuchung groß, auf symbolische Aktionen zurückzugreifen, meint die Journalistin Marième Soumaré vom Magazin »Jeune Afrique«. »Es ist einfacher, auf symbolische Taten wie das Schließen der französischen Militärbasen zurückzugreifen, um an das Wahlversprechen von Selbstbestimmung anzuknüpfen«, sagt sie.
In einem weiteren symbolträchtigen Vorstoß Richtung wirtschaftlicher Unabhängigkeit gaben der staatliche Solidarische Nationalfonds (Fonsis) und die nationale Minengesellschaft Somisen Mitte März bekannt, eine staatliche Goldraffinerie schaffen zu wollen, um das Golderz im Land zu Feingold zu verarbeiten. Bisher wird das Edelmetall meistens außerhalb des Landes verfeinert. Seit die Raffinerie Business-Link-Gold (BLG) ihre Aktivitäten eingestellt habe, werde derzeit überhaupt kein Gold auf senegalesischem Territorium raffiniert, sagt Ousmane Sow von Somisen. »Das Gold verlässt unmittelbar das Land. Wir wollen jedoch, dass in Zukunft ›Made in Senegal‹ draufsteht.«
Das Edelmetall Gold stellt für den Senegal nach dem Fischfang aktuell das zweitgrößte Exportgut des Landes dar. Bisher werden alle Goldminen jedoch von multinationalen Minengesellschaften betrieben. Das Zentrum für den Goldabbau ist im Senegal die Region Kédougou. Sie liegt ganz im Südosten des Landes, mehr als 650 Kilometer von der Hauptstadt entfernt, nahe der Grenze zu Mali und Guinea. Hier befinden sich der Nationalpark Niokolo Koba, mehrere industrielle Goldminen und der Lebensmittelpunkt von rund 200 000 Menschen.
Trotz der wirtschaftlichen Bedeutung der Region sind Armut und Arbeitslosigkeit hier besonders hoch. Annähernd jede zweite Person im erwerbstätigen Alter sucht hier einen Job. Für viele Menschen in Kédougou bietet gerade die informelle Goldgewinnung eine willkommene Einnahmequelle. Bei der handwerklichen Gewinnung wird das Gold entweder aus Gestein extrahiert oder ausgewaschen, wie im Dorf Tomboronkoto.
Nur einen Steinwurf von den Häusern entfernt schöpfen die beiden jungen Frauen Aïssatou und Aïssatou dafür Wasser aus rotbraunen Löchern. Das Wasser wird anschließend zur Filterung auf eine Matte gegossen. Wenn die Namensvetterinnen diese anschließend auswaschen, bleibt eine kleine Goldspur zurück. Viele Familien schürfen in dem Dorf nach Gold. 1216 solcher Kleinanlagen sind 2017 in der Region Kédougou gezählt worden. Hinzu kommen noch einmal 6170 informelle Bergbauanlagen. Gerade in diesen arbeiten auch viele Migrant*innen aus den Nachbarländern. Ungeachtet der negativen Auswirkungen, die eine handwerkliche Goldgewinnung etwa durch die häufige Verwendung von Quecksilber zur Freisetzung des Goldes auf Gesundheit und Umwelt haben kann.
Am Dorfeingang verkauft Abderrahmane Diallo Sprit für die Motorräder. Mit Politik habe er nicht viel am Hut, meint der 22-Jährige. »Wir sind hier auf uns allein gestellt«, sagt er über die abgelegene Region Kédougou. Die industrielle Minenarbeit benötige außerdem vergleichsweise wenig Arbeitskräfte. Da könnte es genauso eine senegalesische Minengesellschaft sein, die ihn nicht einstellte. Zudem sei der handwerkliche Abbau lukrativer, meint er. »Da gehört einem der ganze Gewinn.« Sein Nachbar gesellt sich dazu. Hat er eine Meinung zur Politik? »Dakar ist weit weg«, sagt der. »Egal wer an der Macht ist, für uns ändert das sowieso nichts.«
Wirft man einen Blick auf die Internetseiten der im Senegal operierenden Minenkonzerne, dann wird zunächst nicht deutlich, dass es sich um westliche Unternehmen handelt. So präsentiert sich die australische Gesellschaft Resolute Mining online als »erfolgreiche, Afrika fokussierte« Minengesellschaft. Über Endeavour Mining mit Sitz in London erfährt man, es handele sich um den größten Goldproduzenten Westafrikas. Und auf der Startseite der Raffinerie BLG, die zur türkischen Sinanli Group gehört, bewirbt man eine »Goldraffinerie in Afrika für Afrika«.
Staatlich geführte Minen sind auf dem Kontinent eine Seltenheit. Damit eine solche Gesellschaft Erfolg habe, brauche es Transparenz und eine gute Verwaltung, sagt der Analyst Elimane Haby Kane. »Posten dürfen nicht auf Parteibasis besetzt werden, sondern müssen nach Kompetenz ausgeschrieben werden.« Bei der Regierungspartei Pastef gibt es eine negative Tendenz zu beobachten: »Wir sehen aktuell, dass junge Pastef-Mitglieder zu Generaldirektoren ernannt werden, ohne ausreichende Erfahrung«, meint er.
Die Dörfer Tomboronkoto und Sabodala verbindet eine rund 60 Kilometer lange Landstraße, an deren Ende die größte Goldmine des Landes liegt. Seit einer Übernahme des kanadischen Unternehmens Teranga Gold 2021, wird die Mine vom britischen Endeavour Mining geführt. Die senegalesische Regierung hält zehn Prozent der Anteile.
Wegen des Goldvorkommens ist Sabodala vor vier Jahren umgesiedelt worden. Die Straßen des Dorfes werden von Mauern gerahmt, hinter denen gleich aussehende Neubauten stehen. Mitten auf dem neuen Dorfplatz steht ein Bungalow mit einem Firmenschild von Endeavour Mining. Das sei nach der Umsiedelung eine Anlaufstelle gewesen, erzählt ein Passant. Seit Längerem habe er dort aber niemanden mehr gesehen. Gegen die Umsiedlung gab es großen Protest. Bis heute, sagen Anwohner*innen, seien zentrale Versprechen seitens des Unternehmens nicht erfüllt worden.
»Die Mine ist für Sabodala ein notwendiges Übel«, fasst es ein junger Repräsentant der Dorfgemeinschaft zusammen, der anonym bleiben will. Einerseits habe sich die Eröffnung der Mine, die nach eigenen Angaben 1620 Menschen beschäftigt, positiv auf den Teil der Bevölkerung ausgewirkt, der von ihr angestellt und weitergebildet worden sei. »Andererseits hat die Mine in vielerlei Hinsicht die breite Masse ihrer Lebensgrundlagen und Einkommensquellen beraubt«, beklagt er. »Ohne den Menschen neue Perspektiven zu bieten.«
Exportiert wird das meiste senegalesische Gold in die Schweiz, gefolgt von den Vereinigten Arabischen Emiraten, wo es auch häufig verarbeitet wird. Betritt man in Dakar ein Juweliergeschäft, hat das Gold in den Schmuckstücken eine lange Reise hinter sich. »Wir beziehen viel Schmuck aus Dubai, arbeiten aber auch mit Herstellern etwa in der Türkei oder Italien«, sagt Lahat Thiam, Inhaber des Juweliergeschäfts Lion D’or 2 und Goldschmied in achter Generation. Mittlerweile könne die handwerkliche Herstellung jedoch kaum mehr mit der industriellen Produktion mithalten, sagt er. Ihm wäre es dabei lieber, für den Handel auf eine nationale Produktionskette zurückzugreifen. »Wer mag schon Fernbeziehungen«, scherzt er.
Wenn an diesem Freitag Senegal seinen 65. Unabhängigkeitstag begeht, wird auf dem Place de la Nation in Dakar Präsident Bassirou Diomaye Faye eine Zeremonie abhalten. Im vergangenen Jahr stand der nationale Zusammenhalt bei der Militärparade im Fokus, in diesem Jahr wird die Souveränität der Streitkräfte ins Licht gerückt. Die neue politische Kraft im Land lässt sich auf der kurzen Fahrt über den Boulevard du Général de Gaulle feiern; dagegen wird es bis zur wirtschaftlichen Souveränität noch ein langer Weg sein.
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