Zug um Zug gegen Kohle
Aktivisten feiern jüngste europäische Kohleblockaden als moralischen Sieg
Es ist Samstag neun Uhr morgens, als Josefine Klingner den Reißverschluss ihres weißen Ganzkörperanzugs hochzieht und die Schutzmaske aufsetzt. Regen prasselt auf die 31-jährige Studentin und die 300 weiteren Aktivisten, die einen Bachlauf überqueren und bis zu einem Drahtzaun wandern. Der Eingang des Amsterdamer Hafens, des zweitgrößten Kohlehafens Europas. Schnell ist ein Loch in den Zaun geschnitten, und die Gruppe marschiert auf das Hafengelände. Es sieht aus wie auf dem Mond, schwarzer Geröllboden und schwarzgrau-melierte Hügel.
Die Aktivisten schreiten unter einer Dutzende Meter hohen blauen Stahlkonstruktion hindurch, die ein riesiges Dreieck bildet, ein paar klettern hinauf; andere gehen weiter an Förderbändern entlang, die stillstehen. Von Polizei oder Sicherheitskräften ist nichts zu sehen. In das Kohlefeld malen sie in riesigen Lettern »Coal kills« und »Shut Shit down!« Auf eine Leuchtstofflampe schreiben sie: »No jobs on a dead planet«.
Am Wochenende gab es in Europa gleich mehrere Aktionen des zivilen Ungehorsams gegen die Kohleindustrie. Während in Amsterdam Aktivisten der Kampagne CODE ROOD aus den Niederlanden, Deutschland, Schweden und anderen Ländern ein Teil des Hafens blockierten, besetzten Umweltschützer in Tschechien einen Braunkohletagebau. Beides lief weitgehend friedlich ab.
»Die Polizei und die Sicherheitsleute haben uns machen lassen«, sagt Josefine Klingner, die Sprecherin vom Anti-Kohle-Bündnis Ende Gelände, die in Amsterdam mit dabei war. Die Polizei habe nur wissen wollen, wie lange die Aktion dauere - am späten Nachmittag zog sich die Gruppe wieder zurück in ihr »Camp«. »Das ist ein riesiger moralischer Sieg für uns«, sagt Klingner. »Wir fühlen uns bestätigt, weiterhin solche Aktionen zu machen.«
Die Aktivisten argumentieren, dass die Kohleindustrie den Klimawandel weiter antreibe und traditioneller Protest nicht mehr ausreiche, um die »Maschinerie der fossilen Energien« zu unterbrechen. Um die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, müssten Klimaforschern zufolge 80 Prozent der fossilen Brennstoffe unter der Erde bleiben - allerdings würden Energiekonzerne diese weiter fördern und neue Tagebaue aufschließen.
»Wir fordern den sofortigen Ausstieg aus allen fossilen Energieträgern in den Niederlanden«, sagt Charlotte Huijser von CODE ROOD. »Ihr Transport und die Verbrennung sind nicht nur CO2-intensiv, gerade Steinkohleimporte gehen auch mit massiven Menschenrechtsverletzungen in Kolumbien, Russland oder Südafrika einher.« Die Betreiber der Tagebaue und Kohlehäfen hingegen sehen in den »Besetzungen« kriminelle Handlungen. Schließlich müssen sie Kohlebagger und Förderbänder anhalten und verlieren damit viel Geld.
In Tschechien besetzten rund hundert Aktivisten den Braunkohletagebau Bílina des staatlichen Energiekonzerns ČEZ in Nordböhmen. »Über 80 Dörfer wurden schon abgebaggert«, sagt Radek Kubala von der Gruppe Limity jsme my. »Wir stellen uns diesem Wahnsinn jetzt in den Weg und blockieren den Braunkohleabbau.«
Im Gegensatz zu Amsterdam zeigte die Polizei starke Präsenz, viele der Aktivisten mussten aufs Revier, ihre Personalien abgeben, sich fotografieren lassen, zwei Aktivisten mussten DNA-Proben abgeben.
Auch in Deutschland sind im Sommer und Herbst Aktionen des zivilen Ungehorsams gegen die fossile Industrie geplant. Vom 24. bis 29. August will das Bündnis Ende Gelände im Rheinischen Braunkohlerevier einen Tagebau besetzen. Auch Bürgerinitiativen, Umweltverbände und Jugendgruppen sollen teilnehmen. Damit wolle man zeigen, dass »nicht nur die paar abgedrehten Ökos, sondern ein breiter Widerstand« sich gegen die Kohle stelle, sagt Ende-Gelände-Sprecherin Insa Vries. »Drei Viertel der Deutschen wollen den Kohleausstieg. Wenn die etablierten Parteien nicht den Willen der Zivilgesellschaft umsetzen, dann machen wir das selber.«
Eine zweite Massenaktion des zivilen Ungehorsams folgt - ebenfalls im Rheinischen Braunkohlerevier - vom 3. bis 5. November - also kurz vor der UN-Klimakonferenz in Bonn. Noch stehe nicht fest, welchen Tagebau die Aktivisten besetzen wollen. Jedenfalls sei der herbstliche Protest zur Klimakonferenz viel internationaler angelegt als der im August. Die Präsidentschaft haben die Fidschi-Inseln, doch springt Deutschland als Ausrichter ein. »Es kann nicht sein, dass wenige Kilometer entfernt Braunkohle abgebaggert wird«, sagt Vries.
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